Notwendiger Wandel in der Autoindustrie: Wieviel Steuerung ist notwendig?

Vor dem Hintergrund der aktuellen Umweltdebatten, geplanter Klimaziele und des Dieselskandals mit internationaler Auswirkung werden tiefgreifende Veränderungen für die eingefahrene Automobilindustrie immer dringlicher. In Deutschland ist vor allem die Deutsche Umwelthilfe (DUH) an vorderster Front mit Kritik und Klagen aktiv. Wieviel Einmischung und Steuerung ist sinnvoll und notwendig?

Erst Klagen auf Fahrverbote – und schließlich die Aufforderung an die Politik, Konzerne in ihre Schranken zu verweisen. Aufreger ist für die Umwelthilfe der ungebremste Boom bei den SUVs. Letztere legten in den vergangenen Jahren teils zweistellig zu.

Mittlerweile liegt deren Anteil bei etwa 20 Prozent unter den neu zugelassenen PKW. Kritisiert wird seitens der Umwelthilfe, dass die SUVs immer größer werden. Und es durch die Pkw zu einem Ausstoß an klimaschädlichen Abgasen kommt. Nimmt sich die DUH hier zu viel heraus und überspannt den Bogen? Oder hat die Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation vielleicht recht?

Was fordert die DUH konkret?

Seitens der DUH wird unter anderem eines kritisiert: Der Hang vieler Autohersteller zu immer größeren Modellen. Dabei geht es in erster Linie um eine spezielle Fahrzeugklasse – die der SUVs. Dieser Mix aus Jeep und Limousine ist seit einigen Jahren immer häufiger auf den deutschen Straßen zu treffen. In den Augen der Umwelthilfe Ausdruck einer verfehlten Modellpolitik, geht deren Chef – Geschäftsführer Jürgen Resch – sogar soweit, von einem Desaster zu sprechen.

Je größer ein Fahrzeug, umso größer allgemein auch dessen Masse – und damit die Emissionen. Die Forderungen der DUH sind eindeutig:

  1. Größeres Angebot an reinen Elektrofahrzeugen
  2. Gesetzliche Rahmenbedingungen hinsichtlich der Modellpalette.

Damit will die Umwelthilfe letztlich erreichen, dass die Hersteller zu Veränderungen gezwungen werden. Begründet werden die Forderungen mit einem Rückstand, den Deutschland im internationalen Vergleich – in Bezug auf Elektromobilität – hat.

Auch in Österreich haben Elektrofahrzeuge noch einen verschwindend geringen Anteil am gesamten zugelassenen KFZ-Bestand. Zumindest sind zuletzt die Zulassungszahlen gestiegen .  

Wie verlässlich sind die Argumente der Umwelthilfe? In den zurückliegenden Jahren ist die Zahl der SUVs tatsächlich massiv gestiegen. Zahlen des Verkehrsclubs Österreich (VCÖ) belegen diese Entwicklung deutlich. Allein 2018 wurden in dieser Klasse über 100.000 Fahrzeuge neu zugelassen. Bei den verkauften PKW machen SUVs in Österreich inzwischen über 30 Prozent aus – mehr als doppelt so viel, wie noch 2014.

Welche Gegenargumente hat die Branche?

Die (deutschen) Autobauer fühlen sich angesichts solcher Kritik natürlich „auf den Schlips“ getreten. Durch verschiedene erfolgreiche Klagen auf Fahrverbote in deutschen Städten hat sich die Umwelthilfe allerdings eindrucksvoll in Stellung gebracht. Wie sehen die Reaktionen aus?

  1. Autohersteller setzen auf E-Cars

    Der VDA (Verband der Automobilindustrie) verweist auf die Tatsache, dass inzwischen jedes zweite E-Car aus einem deutschen Konzern kommt.

  2. Neue Modelle

    Bis 2023 will die Autoindustrie massiv aufrüsten. Heißt, dass in den kommenden Jahren die Anzahl der Modelle verfünffacht werden soll.

  3. Sinkende Emissionen

    Die Autobauer sind sich bewusst, dass aus dem Auspuff nicht nur saubere Luft kommt. In den letzten Jahren hat die Branche massive Bemühungen unternommen, um Emissionen (erfolgreich) zu senken.

Welche Probleme hat die Branche wirklich?

Die Fahrzeugindustrie verfügt einerseits durch längere Entwicklungszeiten über eine eingeschränkte Flexibilität und kann sich nur bedingt kurzfristigen Änderungen anpassen. Darüber hinaus sind die Marktbedürfnisse komplex und werden von unzähligen Faktoren beeinflusst. Mit ihren Frontalangriffen trifft die Umwelthilfe die Hersteller in einem wunden Punkt. Gerade bei den Emissionen haben zurückliegende Abgas-Affären das Vertrauen der Verbraucher massiv geschädigt.

Die Deutsche Umwelthilfe ist allerdings nicht das einzige Problem, dass die Hersteller beschäftigt. Gerade mit Blick auf die Zukunft könnte sich der Verbrennungsmotor schneller erledigen. Eine Entwicklung, welche für die Hersteller zu einer riesigen Herausforderung zu werden droht.

  • Diesel & Benziner abgeschafft: Deutschland ringt noch um den richtigen Umgang mit Dieselmotoren. Andere Länder – etwa in Skandinavien – sind schon deutlich weiter. Hier ist es beschlossene Sache, dass in den kommenden Jahren Diesel und Co. auf den Schrott wandern. Verabschieden sich Märkte vom Konzept des Verbrennungsmotors, hat dies natürlich schwerwiegende Folgen. Zu den Vorreitern in diesem Zusammenhang gehört Norwegen. Das Land will sich bereits 2025 von Verbrennungsmotoren im Straßenverkehr verabschieden. Für die Autoindustrie mit traditionellen Modellen bricht dieser Markt dann schlicht und ergreifend weg.
  • Konjunktur kühlt sich ab: Die Automobilindustrie gehört zu den Profiteuren globaler Märkte. Inzwischen sind alle großen europäischen Autobauer auch in den USA, Asien oder Südamerika mit eigenen Werken und Vertriebsketten vertreten. In den zurückliegenden Monaten hat sich die Konjunktur allerdings deutlich abgekühlt. Bedeutet, dass viele Autobauer wie VW, Daimler oder Audi zuletzt einen Rückgang in den Absatzzahlen zu verkraften hatten. Und diese Entwicklung könnte sich in naher Zukunft beschleunigen, wenn ein harter Brexit und der Handelskrieg zwischen den USA und China weiter Gestalt annehmen.
  • Neue Technologien: In den letzten Jahren haben Hersteller aus dem Ausland fieberhaft an der Implementierung neuer Technologien gearbeitet. Das autonome Fahren ist eines dieser Beispiele. Hier hinken deutsche Hersteller ebenfalls noch hinterher. Gleichzeitig sind die Hürden für die Neuzulassung von neuen Modellen hoch. Insgesamt werden es die neuen Technologien und Ansätze in den Mobilitätskonzepten sein, welche die Entwicklung in nächster Zeit nachhaltig beeinflussen werden. Auch die Elektromobilität wird praxistauglicher – etwa mit verbesserten Reichweiten. Zwar liegt diese bei den meisten Modellen nach wie vor unter 400 km pro Ladung, aber auch hier wurden zuletzt deutliche Fortschritte gemacht. Mit der zunehmenden Modellvielfalt kommt hoffentlich auch Bewegung in die Preise, die immer noch deutlich über denen der klassischen Verbrenner liegen. Zwar können staatliche Förderungen wie eine Kaufprämie und auch die Steuerbefreiung in den ersten zehn Jahren durchaus Impulse setzen, den Preisunterschied gleichen sie jedoch nicht komplett aus.  

Fakt ist, dass die Branche sich mit den Argumenten der DUH auseinandersetzen muss. Auf der anderen Seite ist diese Front nicht die dringendste Herausforderung, welcher sich die Hersteller gegenübersehen. Gerade der zunehmend schrumpfende Absatz in den internationalen Märkten wird künftig das Kernproblem.

Welche Maßnahmen könnten der Branche helfen?

Die Branche wird sich sehr genau überlegen müssen, wie sie mit den kommenden Herausforderungen umgeht. Zurückgehende Absatzzahlen schlagen auf die Produktion durch. Eine schnelle Folge werden Kurzarbeit und die Streichung von Stellen sein. Leidtragende sind hier die Arbeitnehmer – und natürlich auch Zulieferer, die am Tropf der Autoindustrie hängen. Mittel- bis langfristig wird sich die Branche damit aber nicht behelfen können.

Wichtig ist, sich fundamental zu ändern. Den Handelskrieg wird kein Hersteller beeinflussen können. Allerdings werden die Autobauer sich fragen müssen, ob sie den Anschluss an die Konkurrenz verpassen wollen. Bei den Themen:

  • Digitalisierung
  • Autonomes Fahren
  • E-Mobilität

muss der Rückstand schnell aufgeholt werden.

Gerade das Fahren mit Strom wird sich nachhaltig auf die Entwicklung der Branche auswirken. Der Bau eines Verbrennungsmotors ist wesentlich aufwendiger als die Fertigung eines Elektromotors. Allein schon aufgrund dieser Tatsache wird die Branche in unruhiges Fahrwasser geraten. Der Transformationsprozess fordert Opfer – auch wenn dies niemandem gefallen wird. Der Streit mit der DUH ist am Ende nur die Spitze des Eisbergs.

Fazit: Umwelthilfe legt Finger in die Wunde

Die Deutsche Umwelthilfe hat in den letzten Monaten die Autobranche mit Klagen zu Fahrverboten in Städten unter Druck gesetzt. Zwar gibt es solche Einschränkungen in Österreich bislang noch nicht, doch im Immisionsschutzgesetz Luft (IG-L) sind entsprechende Maßnahmen ebenfalls vorgesehen – sollten wiederholt festgelegte Grenzwerte bei der Luftbelastung überschritten werden. 

Gerade die Kritik an den SUVs ist nicht unbegründet. In den letzten Jahren ist der Absatz hier massiv gestiegen. Allerdings hat die Branche noch ganz andere Probleme. Brexit und Handelsstreit drücken den Absatz nach unten – was sich auf die Produktion auswirkt. Bisher ist immer noch fraglich, ob die Hersteller den Transformationsprozess vom Verbrennungsmotor zur E-Mobilität am Ende nicht doch verschlafen.