Der neue Jaguar XJ - Fahrbericht

Vorbei ist die Zeit, als der große Jaguar mit traditioneller aber verstaubter Optik punkten wollte. Der neue XJ zeigt sich überraschend agil und dynamisch, fein motorisiert und dabei durchaus komfortabel.

Italienische Designdynamik und deutsche Dieseltugenden statt britischer Upperclass-Gediegenheit: Der neue Jaguar XJ streift die Fesseln der Tradition ab und mixt seinen eigenen Entwurf einer zeitgemäßen großen Limousine. Der schnittige Oberklässler steht im Mai zu Preisen ab 85.900 Euro beim Händler.

Vor allem äußerlich ist der Bruch mit der Tradition radikal. Orientierte sich der direkte Vorgänger noch an dem elegant-repräsentativen Stil seines 1968 erschienenen Ur-Ahnen, setzt die Neuauflage in Sachen Karosserieschnitt rigoros auf Sportlichkeit. Stark geschlitzte Scheinwerfer, eine coupéhaft abfallende Dachlinie und das kurze, aber prägnante Heck mit den senkrechten Rückleuchten orientieren sich nun vielmehr an Wettbewerbern wie Maserati Quattroporte oder Porsche Panamera als an klassischen Vorstands-Limousinen vom Schlage einer Mercedes S-Klasse. Nicht jeder Unternehmenslenker mag solch einen extrovertierten Auftritt wünschen - aber Jaguar will schließlich vor allem neue Kundenkreise anlocken. Das ist auch bitter nötig, das Vorgängermodell war vor allem in letzter Zeit nicht unbedingt ein Bestseller.

An den technischen Eigenschaften der Limousine kann die mangelnde Nachfrage nicht gelegen haben. Denn die waren trotz des altmodischen Blechkleids extrem modern. Der Neue nutzt die guten Gene und setzt ebenfalls auf die besonders leichte Aluminiumkarosserie. In der Basisversion bringt der immerhin mindestens 5,12 Meter lange Brite gerade einmal 1.755 Kilogramm auf die Waage. Die Wettbewerber wiegen mindesten 150 Kilogramm mehr. Bei den Motoren kann vor allem der auch im kleineren Jaguar XF eingesetzte V6-Diesel punkten. Mit 202 kW / 275 PS ist er einer der stärksten seiner Art und überzeugt mit mächtigem Durchzug und flottem Antritt bei gleichzeitig akustischer Zurückhaltung. Die schnell schaltende Sechsgangautomatik passt sich dabei gut ein. In lediglich 6,4 Sekunden ist Tempo 100 erreicht, die Höchstgeschwindigkeit beträgt 250 km/h. Für Motorenliebhaber mit gut gefüllter Tankkasse gibt es außerdem zwei 5,0-Liter-V8-Benziner; sie bieten mit bis zu 375 kW / 510 PS Leistung im Überfluss, sind aber in Kauf und Unterhalt entsprechend kostspielig.

Beim Fahrwerk hat Jaguar seinem neuen Flaggschiff einen Schuss mehr Sportlichkeit mitgegeben. Für ein Auto seiner Größe fährt der Hecktriebler behände um die Kurve, wobei auch das relativ günstige Leistungsgewicht hilft. Dabei kommt der klassenübliche Komfort nicht zu kurz, Querfugen und kleine Unebenheiten sind allerdings durchaus zu spüren. Gewöhnungsbedürftig ist auch die sehr direkte Lenkung, die man eher von einem Sportwagen erwarten würde und die die klassische Kundschaft etwas irritieren könnte. Gewohnt edel und wohnlich geht es hingegen im Innenraum zu. Der Fahrer sitzt wie in einer Burg aus Leder und Holz; das Cockpit ist nahezu komplett mit feinster Tierhaut bezogen. Die extrem breite Mittelkonsole sorgt für Geborgenheit, dass es dem Fahrer aber zu eng wird, verhindert das ungewöhnlich niedrige Armaturenbrett.

Wie bereits im XF sorgen einige gestalterische Gags für Eigenständigkeit. So werden etwa die Gänge der Automatik über ein Drehrad gewechselt, das beim Motorstart aus einem Versteck in der Mittelkonsole herausfährt. Anstelle konventioneller Analoganzeigen gibt es hinter dem Lenkrad einen großen Bildschirm, auf dem die Instrumente digital dargestellt werden.

Beim Preis rangiert der Jaguar markenüblich knapp über dem Niveau vergleichbarer Mercedes-, BMW- und Audi-Modelle. Zum Einstiegspreis von 85.900 Euro für den Diesel gibt es aber bereits eine recht komplette Ausstattung mit Ledersitzen, Festplattennavigation und Bi-Xenon-Scheinwerfern. Die V8-Benziner starten bei 115.900 Euro für die Sauger-Variante und bei 160.500 Euro für das Top-Modell mit Kompressor, die Langversion kostet je nach Version zwischen 4.600 und 7.400 Euro mehr. Auf alle Fälle liegt der Brite unter den Preisen für einen vergleichbaren Porsche Panamera oder Maserati Quattroporte.

Mit dem neuen Flaggschiff hat Jaguar viel Design-Tradition über Bord geworfen. Der Neue sieht schnittiger aus und fährt sich auch spürbar sportlicher. Hinzu kommt der hervorragende Dieselmotor. Als individuelle Alternative zu den klassischen Oberklasselimousinen kann sich der XJ so durchaus sehen lassen. Einige Kunden werden aber wohl erst einmal schlucken müssen: Denn das Biotop des noblen Briten sind nun weniger die Kiesauffahrten hochherrschaftlicher Landsitze, sondern eher die Tiefgaragen schicker Großstadtlofts.

mid/hh

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