Besuch im Lamborghini Museum in Sant´Agata Bolognese

Unweit von Bologna und Modena liegt die kleine Ortschaft Sant´Agata Bolognese. Hier kann man nicht nur wie überall in Bella Italia kulinarischen Genüssen frönen, sondern so wie wir auch den benzingetränkten.

Uns zieht es zu den Kampfstieren der vierrädrigen Art mit ebensolchem Logo. Das Werk von Lamborghini ist von außen ein Glaspalast mit ebensolchen Kanten wie die dort entstehenden Fahrzeuge. Security wohin man sieht. Jeder Schritt wird genau beobachtet. Innerhalb des Firmengeländes befindet sich zum einen das absolut sehenswerte "Museo Lamborghini", welches klein aber fein sehr rare Schmankerln der Supersportwagen wie das 6. Element - "Sesto Elemente", das Concept Car des kommenden Lambo-SUV "Urus" oder in diesem Jahr noch die Sonderausstellung über die Rennfahrerlegende Ayrton Senna beherbergt. Außerdem gibt das Museum auch detaillierte Einblicke in die Herzen der Kampfstiere. Egal ob V8, V10 oder V12 - hier kann man sich jedes Aggregat ganz aus der Nähe anschauen.

Das eigentliche Ziel unseres Ausflugs führt uns, gegen einen Obolus von 70 Euro pro Person, zu den Produktionsstätten von Aventador und Hurracan. Obwohl der Preis manchen die Luft nimmt - was man hier zu sehen bekommt, ist für Sportwagenfans ein MUSS und ein Erlebnis besonderer Art. Nachdem wir unsere Taschen, Fotoapparate und Handys in Schließfächern versperrt hatten, wurden wir mit Headsets ausgestattet, um ja kein Wort bei der Führung zu verpassen. Dann, nach einem kurzen geschichtlichen Abriss, betreten wir fast ehrfürchtig die Hallen. So verstehen wir, was italienischer Stolz zu leisten vermag. Denn einst - so die Geschichte - kaufte sich Ferruccio Lamborghini, der Sohn eines Bauern und nach dem 2. Weltkrieg im Traktorenbusiness tätig, einen Ferrari 250 GT. Nachdem er ständig damit Kupplungsprobleme hatte, fuhr er nach Maranello, das etwa 40 km entfernt war und beschwerte sich bei Enzo Ferrari persönlich.

Dieser wies ihn darauf hin, dass nicht seine Autos, sondern Lamborghini selbst schuld an diesem Problem sei, weil er nur Traktoren fahren könne. Und genau diese Aussage bescherte uns die wunderbaren schnittigen Rennflundern wie wir sie kennen. "Bitte nur zwischen den gelben Linien bleiben", heißt es beim Betreten. Sicherheit geht vor, und das ist auch gut so. Derzeit werden zwei Fahrzeugtypen in den Fabrikshallen gefertigt: Lamborghinis Hurracan und Aventador. Beide Produktionslinien in allen Versionen. Als erstes kommen wir zur Fertigungsstraße des Hurracan. An 23 Arbeitsstationen bauen die Mechaniker den 610 PS starken Stier zusammen. Zeit pro Station sind genau 37 Minuten, daher muss jeder Handgriff sitzen. Ein großer Monitor zeigt die Restzeit an, trotzdem gibt es hier keine sichtbare Hektik, eher Stolz und Freude stehen den Mechanikern ins Gesicht geschrieben.

Zwölf Hurracan gehen pro Tag aus dem Werk. Nach der 23. Station gibt es einen letzten Qualitätscheck, und dann geht es ab auf die Straßen von Sant´Agata. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn man immer wieder einem Lamborghini in dieser Gegend begegnet, denn die letzten Tests werden nicht auf klinisch sauberem Terrain vorgenommen, sondern auf ganz normalen Straßen.

Der Aventador als Modell S erreicht einen Topspeed von 350 km/h und ist das schnellste von Lamborghini produzierte Serienfahrzeug. Das Monocoque besteht komplett aus Carbon. Insgesamt hat der Kraftprotz 1.575 kg und beschleunigt in 2,9 Sekunden auf 100 km/h. Die Fertigungslinie des Aventador umfasst 12 Stationen, wobei an jeder Station 75 Minuten Zeit für die Mechaniker bleibt. Auf unsere Frage hin, was passieren würde, wenn eine Station die Zeit überschreitet, meinte unsere Führerin: "Verzögerung gab es noch nie." Sechs Aventador verlassen pro Tag das Werk.

Neben vielen interessanten Informationen rund um Fertigungsdetails, führt unser Weg auch zur Sattlerei, wo den Kindern ein besonderes Geschenk mit dem Lamborghini-Emblem überreicht wird. Lamborghini ist in der Lage, jedes Fahrzeug komplett auf den Käufer abzustimmen. Jeder hat die Möglichkeit sein spezielles Modell anfertigen zu lassen. Egal ob Lack oder Lederfarbe, es gibt - solange es unifarben ist - keinen Farbton, der nicht möglich wäre. Apropos Farbe: Zum Lackieren werden die Stiere extern in eine Firma gebracht. Dort lackiert jeweils eine Person das ganze Auto, denn jeder besitzt seinen eigenen Schwung beim Auftragen der Farbe.

Wer aufmerksam durch die Hallen geht, kann auch das eine oder andere Teil von Sondermodellen erkennen. In unserem Fall war dies die Karosserie eines Lamborghini Centenario, des auf 40 Stück limitierten Modells anlässlich des 100. Geburtstags von Ferruccio Lamborghini.

Die etwa einstündige Führung ist derart beeindruckend, dass die Zeit wie im Flug vergeht. Jetzt wird deutlich, weshalb die Startpreise (ab Werk ohne Steuern/Gebühren jeglicher Art) beim Hurracan bei 200.000 Euro und beim Aventador bei 300.000 Euro liegen. Zum Abschluß mussten wir dem Shop nebenan noch einen Besuch abstatten, denn einen echten Stier zu ordern liegt leider nicht in unserem Budget.

Vergessen sollte man nicht, dass in Italien in den meisten Firmen im August Werksperre ist, so auch bei Lamborghini. Doch im übrigen Jahr kann man nach Voranmeldung auf der Webseite in Sant´Agata Bolognese vorbeischauen.

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