Mercedes SLS AMG - Fahrbericht

Eines der spektakulärsten jemals in Österreich gebauten Autos: Aus der Steiermark erreicht der SLS AMG alle, die keinen 300 SL haben können.

Wieder einmal hat Mercedes aus dem Fundus seiner Geschichte den Flügeltürer 300 SL hervorgekramt. Diesmal beutet man das Thema jedoch direkter aus als je zuvor - mit einem Quasi-Nachbau. Der kommt übrigens aus den Hallen von Magna Steyr in Graz. Die Qualität geht also in Ordnung! Gut erhaltene Exemplare dieses Autos werden für sechsstellige Summen gehandelt. Mit einem Preis von 220.000 Euro ist der SLS AMG dagegen fast ein Sonderangebot. Er ist wohl auch ein lohnendes Investment für den zukünftigen Sammlermarkt, dennoch wäre es sträflich, ihn nicht zu fahren.

Die nackten Daten: Der Hubraum von knapp 6,3 Litern (ebenfalls ein Geschichts-Zitat wenngleich nicht aus der SL-Geschichte) verteilt sich auf acht Zylinder. Ohne Kompressor oder Turbo werden 420 kW / 571 PS erzielt, das genügt für eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 320 km/h. Von Außenspiegel zu Außenspiegel ist die (übrigens nicht nur in Silber erhältliche) Retro-Karosse 2,30 Meter breit, die Höhe beträgt etwa einen Meter weniger. Die Motorhaube misst vom Blatt des Scheibenwischers bis zum Mercedes-Stern 1,73 Meter, das ist fast ein halber Meter mehr als zum Beispiel bei einer S-Klasse. Darunter sieht es aus, als hätte noch ein zweiter Achtzylinder-Motor Platz. Aber im Fall eines Zusammenstoßes muss die Energie abgebaut sein, bevor die Aufprallwucht den V8-Block in die Passagierzelle schieben kann.

Und wie steigt man ein? Durch die Tür. Und erstaunlich flott, wenn man erst die Griffe der nach oben schwingenden Türen gefunden hat. Sie fahren erst auf Knopfdruck aus, ansonsten sind sie bündig in der Aluhaut versenkt. Die 18 Kilo schwere Flügeltür ist ausgewogen gelagert und schwingt leicht auf. Vorteil in Parklücken: Beim SLS genügen 30 Zentimeter Platz zum Nebenmann, um den "Gullwing" komplett nach oben zu schwingen. Auf einen elektrischen Schließmechanismus wurde aus Gewichtsgründen verzichtet, Insassen unter 1,70 Meter müssen sich strecken, um die Tür wieder ins Schloss zu ziehen.

Aus der Parkstellung des Speedshift-Sportgetriebes kommt man nicht direkt in den Retourgang. In der Comfort-Abstimmung ist das Gaspedal etwas unsensibel, was aber das vorsichtige Rangieren erleichtert. Wer ausprobieren will, ob tatsächlich weniger als vier Sekunden für den Sprint bis 100 km/h vergehen, wählt den Race-Start-Modus. Die elektronische Anfahrhilfe sorgt dafür, dass der Schlupf nicht zu groß wird und 650 Newtonmeter Drehmoment in echten Vortrieb umgesetzt werden. Schnell wird klar, dass der SLS im normalen Straßenverkehr chronisch unterfordert ist. Die finster grollende Symphonie aus acht Zylindern und zwei Abgassträngen entschädigt für fehlendes Tempoerlebnis. Ab 3.000 Touren faucht es energisch, als wolle der Motor den Fahrer motivieren, das Gaspedal noch ein bisschen weiter durchzudrücken. Im Sportmodus kann man zusätzlich das Zwischengas zum Klingen bringen. Die Beschleunigung geht dank Doppelkupplungsgetriebe nahtlos-unwiderstehlich vorwärts. AMG hat bewusst darauf verzichtet, virtuelle Schaltpausen einzulegen, mit denen andere Hersteller von Supersportwagen ein hartes Einkuppeln simulieren und den Dynamikfaktor in die Höhe treiben wollen. Ist kein Hindernis in Sicht, erreicht der SLS nach knapp zwölf Sekunden die 200 km/h-Marke.

Weil zwischen dem elektrisch ausfahrbaren Heckspoiler und den Schalldämpfern noch etwas Platz war, hat der SLS auch einen Kofferraum bekommen. Der klassische Normbehälter in dieser Preisklasse, die Golftasche, passt zweimal hinein. Auf den Transport von verderblichen Waren sollte man besser verzichten: Denn wenn der Motor gefordert wird, heizt die Abgasanlage den Boden des Gepäckabteils bis auf 40 Grad Celsius oder mehr auf. AMG hat die Schwachstelle erkannt und arbeitet an einer Lösung, die in Graz zweifellos perfekt umgesetzt wird. Es ist übrigens schwer, den SLS mit einem Durchschnittsverbrauch von unter 15 Litern pro 100 Kilometer zu fahren. Er ist die motorisierte Unvernunft und als Klassiker von morgen noch dazu eine Geldanlage.

mid/afb, jg

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