Peugeot RCZ : Zu Besuch bei Magna Steyr

In Graz läuft bereits die Produktion des Peugeot RCZ, der bei Magna Steyr auch komplett entwickelt wurde - und das zum Großteil rein virtuell.

Der traditionsreiche Standort von Magna Steyr in Graz ist dieser Tage einer der am wenigsten langweiligen Orte der Welt. In der steirischen Hauptstadt entstehen nebeneinander der Mercedes SLS, der Aston Martin Rapide und der Peugeot RCZ.

Der Letztgenannte war Grund des Besuches in Graz, und die vielleicht größte technische Herausforderung: Denn er wurde komplett bei Magna Steyr entwickelt. Das Unternehmen hat den RCZ als Gesamtfahrzeug entwickelt. Dies bedeutet, dass Magna für Entwicklungsstrategie, Entwicklung des Gesamtfahrzeuges, Einkauf aller Neuteile und für die Produktion und natürlich auch die Qualität des fertigen Produktes verantwortlich war. Oder anders gesagt: Für alles! Nationalstolz ist angebracht, denn die österreichischen Entwickler durften bei diesem Projekt zeigen, was sie können.

Peugeot rcz magna 2(Bildquelle: Werk)

Peugeot lieferte als Vorgaben die äußere Form des Konzeptfahrzeuges 308 RC-Z aus dem Jahr 2007 sowie einen schmalen Zielkatalog. Ansonsten hatte Magna freie Hand bei der Umsetzung dieser Vorgaben - und einen knappen Zeitplan. Denn im März 2010 musste das Projekt fertiggestellt sein, weil Peugeot in dieser Zeit keinen anderen großen Produkt-Launch hatte. Deshalb, und auch aus Gründen der Kostenersparnis, ging man den Weg der komplett virtuellen Entwicklung des Serienfahrzeuges. Es gab keine physische Prototypengeneration. Erst spät im Prozess wurden reale Vorserienautos gebaut, beispielsweise um rechtliche Vorgaben zu erfüllen. Und das aus gutem Grund: Die Kosten für eine Prototypen-Generation beziffern die Magna-Entwickler mit ungefähr zehn bis zwanzig Millionen Euro. Je weniger Entwicklungsfahrzeuge gebaut werden, umso größer die Kostenersparnis. Mit allem Investment in Technologie für die nötigen Entwicklungstools lagen die Entwicklungskosten für den RCZ damit immer noch knapp 20 Prozent unter jenen eines vergleichbaren Programms mit konventioneller Arbeitsweise.

Peugeot rcz magna 3(Bildquelle: Werk)

Im virtuellen Entwicklungsraum am Werksgelände war das Fotografieren nicht erlaubt. Er sieht letztlich nicht spektakulär aus, sondern wie eine Mischung aus Besprechungsraum und Kinosaal. DI Udo Bader von Magna erläutert: "Alle markanten Charakterzüge des Konzeptfahrzeuges 308 RC-Z wurden am Serienfahrzeug realisiert. Das muss man deshalb hervorheben, weil bei Automobilausstellungen die Hersteller ihre Träume zeigen, die niemals auf die Straße kommen. Wir haben von Oktober 2007 an in 29 Monaten die Entwicklung komplett, von den ersten Strichen an, durchgeführt. Wir haben von Peugeot Stylingbilder und sogenannte Strack-Daten bekommen - das ist quasi ein elektronisches Seidentuch, das man über das Fahrzeug legt. Sämtliche Industrialisierung und Ausführung der Teile ist von uns übernommen worden." Dazu lieferte Peugeot ein "customer market profile", das war nichts anderes als eine Liste mit circa dreißig Punkten, die die Eigenschaften des Fahrzeuges festgelegt haben. Und das auf interessante Weise, nämlich im Vergleich zu auf dem Markt befindlichen Konkurrenzprodukten; so soll auch der Begriff "Audi TT" einige Male in dieser Liste vorgekommen sein. "Unsere Aufgabe war es, diese Wünsche von Peugeot in technische Lastenhefte zu transferieren", erklärt DI Bader. Nicht zuletzt sollte dann auch der Preis des fertigen Produktes in Regionen liegen, die der typische Peugeot-Kunde akzeptieren kann.

Peugeot rcz magna 4(Bildquelle: Werk)

Hinter den großen Projektionsflächen spielt sich die wahre Glanzleistung ab, dort errechnet der Computer die Bilder, die zu sehen und per Tastendruck auch in Bewegung zu versetzen sind: "In der Designphase haben wir sämtliche Fahrzeugteile auskonstruiert - es ist darum gegangen, dass die Teile aneinander passen, dass die Funktionen erfüllt werden und dass auch die Performance des Fahrzeuges stimmt. In den Meetings haben die Entwickler das Fahrzeug im Detail durchschauen und alle Qualitätsmerkmale überprüfen können. Vier virtuelle Prototypen-Generationen wurden gemacht. Lange bevor der erste Testfahrer das Fahrzeug fahren konnte, haben wir die ersten Produktionswerkzeuge bestellt."

In Echtzeit kann die Passgenauigkeit und Funktionsweise von Komponenten überprüft werden. Denn die Bilder sind nicht nur schöne bunte Renderings, sondern das graphische Abbild der Eigenschaften jedes einzelnen Bestandteils des Fahrzeuges: "Virtuelle Entwicklung heißt auch, dass sämtliche Funktionen virtuell simuliert werden. Zum Beispiel der Schwingungskomfort und die Akustik - lange bevor sich ein Testfahrer überzeugen konnte, wie die Lautstärke innen und außen wirklich ist, wurde simuliert, ob wir Peugeots Zielwerte erfüllen. Wir haben beispielsweise auch Aerodynamik und die Fahrzeugsicherheit simuliert. Wenn man gesetzliche Anforderungen nicht erfüllt, bekommt man das Fahrzeug nicht genehmigt; wir mussten die Frontal- und Seitenaufprall-Simulationen durchführen, ohne einen realen Versuch gemacht zu haben." Gearbeitet wurde auch an Dingen wie der Farbabstimmung und der "perceived quality", also beispielsweise den Spaltmaßen im Interieur oder Ähnlichem, bis ins kleinste Detail.

Peugeot rcz magna 5(Bildquelle: Werk)

Ein Schlagwort war Styling-Technik-Konvergenz, also die Umsetzung der schönen Studie in ein industriell herstellbares Serienauto: "Denn oft machen Stylisten Flächen, die zwar sehr schön anzusehen sind, aber technisch nicht realisierbar." 300 Personen waren an der Entwicklung des RCZ beteiligt. Mit dem ersten vom Band gefertigten Fahrzeug konnte dann die Validierung am Objekt durchgeführt werden: "Hier konnten wir uns überzeugen, dass die virtuelle Welt mit der realen Welt zusammenpasst, und dann die Tests für die Dauerhaltbarkeit durchführen." Und dann wurden doch noch mehr als eine Million Testkilometer in verschiedensten klimatischen Bedingungen abgespult.

Ganz ohne den guten alten (und teuren) Erlkönig geht's also noch nicht. In Bereichen wie der Ergonomie oder auch der guten alten Dichtigkeitsprüfung nutzt eine Simulation nichts, dort wird mit Prüfungen am realen Objekt kombiniert: "Das Wichtige ist, die beste und effizienteste Kombination zustande zu bringen", erklärt Werner Wöckl, seit Oktober 2007 der Verantwortliche für das Gesamtprojekt RCZ. Am Computer erarbeitet und simuliert wurden neben dem Fahrzeug selbst auch die Produktionsabläufe. Denn die Fabrik in Graz existiert zweimal: In der Realität und als virtuelles Abbild: "Sonst wäre die virtuelle Entwicklung ja gar nicht in sich geschlossen. Die Herstellbarkeit zu gewährleisten, ist mit eine der wichtigen Aufgaben in der Entwicklung. Zum Beispiel gibt es Simulationsmodelle für die Zugänglichkeit oder die Sicht zu Verbindungsstellen - um zu beurteilen, ob an schwierigen Stellen eine Verbindung sauber hergestellt werden kann. Schwierig sind oft knifflige Stellen am Fahrzeug; an einem Prototypen kann man abprüfen, ob man mit Werkzeugen hinkommt und entsprechend hinsieht, wenn sich das Fahrzeug in der richtigen Höhe befindet. Virtuell braucht man das Modell der Umwelt, das Modell des Fahrzeuges, aber auch ein Modell des Menschen, um dieses Zusammenspiel zu überprüfen."

Peugeot rcz magna 6(Bildquelle: Werk)

Zurück in die Wirklichkeit: Auf einem Montageband können verschiedene Fahrzeugtypen gefertigt werden, was nicht nur vom menschlichen Personal, sondern auch von den Robotern und Werkzeugen große Anpassungsfähigkeit verlangt. Die Produktionsplanung und Modifikation der Fertigungsstraße dauerte ungefähr sechs Monate. Die Fertigung des RCZ konnte anlaufen, ohne dass eine andere Produktion hätte unterbrochen werden müssen. Derzeit ist der RCZ auf seiner Produktionsstraße allein, es wird seitens Magna Steyr aber daran gearbeitet, möglichst rasch ein ergänzendes Produkt zur Fertigung dazuzubekommen. Bis zu vierzehn fertige Fahrzeuge pro Stunde können die hochflexible Produktionsstraße in Graz verlassen. Momentan werden im Karosserierohbau zwei Schichten gefahren, in der Endmontage eine Schicht; je nach Verkaufsgang kann jederzeit nachgelegt und "hochgetaktet" werden. In der Produktion sind derzeit ca. 700 Personen in den Bereichen Rohbau, Lackierung, Montage, Qualitätskontrolle und Logistik mit der Fertigung des RCZ beschäftigt. Ein Fahrzeug besteht aus ca. 4.000 Einzelteilen, die bei der Montage zusammengefügt werden müssen. Wobei zum Beispiel der gesamte Motor als ein Bestandteil gesehen wird - ansonsten wäre die Summe aller kleinsten Einzelteile um ein Vielfaches höher.

Noch für 2010 rechnet man mit einem Verkauf von 15.000 Stück. Beim österreichischen Marktstart am 24. April lagen übrigens schon 102 Kundenbestellungen vor, also ein Viertel des Verkaufsziels für heuer in Österreich. 2011 sollen dann 20.000 Exemplare ihre Kundschaft erreichen, 400 bis 500 in Österreich. Über einen Zeitraum von sechs Produktionsjahren sind vorderhand 83.000 Exemplare projektiert.

Kommentare