VW Multivan - Fahrbericht

Dem Titelverteidiger auf den Zahn gefühlt

Sein Name gleicht einem Versprechen: Unter den großen Vans der Multi zu sein, braucht entsprechende Berufung. Die darf er in der anhaltenden Ehrung als Klassenprimus und natürlich in seinen Genen sehen, die ihm mitgegeben worden sind. Sie haben über Jahrzehnte hinweg von Volkswagens Nutzfahrzeugabteilung hingebungsvolle Pflege und Förderung erfahren. 1956 als VW Transporter T1 gestartet, brachte es die so erfolgreiche Baureihe inzwischen bis zum T5. Seit einem halben Jahr trägt nun auch die Frontpartie des aktuellen Multivans - in Details noch einmal aufgepeppt - das neue VW-Markengesicht. Inzwischen ist er sogar als Allradler zu haben.

Volkswagens Multivan ist Platzhalter im doppelten Sinne. Einerseits bewahrt er von Jahrgang zu Jahrgang seine Spitzenstellung im Segment, andererseits offeriert das Auto Platz in Hülle und Fülle. Wer sich daran macht, alle Beiträge zur Raumökonomie dieses Gefährts auszukundschaften, dem beschert solche Neugier Entdeckungen ohne Ende. Zur bloßen Aufzählung all der raffiniert unter den Sitzen und in Verkleidungen integrierten Ablagen, Klapp- und Schiebefächer müsste man wiederholt Luft holen.

Nutzwert weit größerer Dimension haben die Konfigurations-möglichkeiten durch Positionswechsel der fünf Sitzplätze im hinteren Abteil. Die beiden Einzelsitze in der zweiten Reihe lassen sich ganz bedarfsgerecht weit nach vorne oder hinten verschieben oder auch um 180 Grad schwenken, sodass sich im Fond zusammen mit dem Tischmodul und der breiten Dreier-Rückbank eine gemütliche vis-à-vis-Runde zu fünft arrangieren lässt. Alle Einzelsitze haben verstellbare Armlehnen (deren Höhenverstellung ist ein wenig umständlich). Die Sitze der zweiten Reihe herauszunehmen verlangt Kraft; einer wiegt rund 40 Kilogramm. Bei Bedarf lässt sich die Rückbank verschieben oder ganz entfernen. Bei solchem Vorhaben sollten vier Hände zugreifen, immerhin sind 90 Kilogramm zu manövrieren. Längere, schmale Gegenstände können aber einfach unter der Rückbank hindurchgeschoben werden.

Generell zugute kommt dem Transport sperriger Güter die reichlich bemessene "lichte Höhe" unterm Dach, die sogar sehr große Personen als üppig empfinden. Selbst angesichts außergewöhnlicher Transportvorhaben dürfte das Raumangebot des Multivan nie in Verlegenheit geraten lassen. Vielleicht gelingt es pfiffigen Köpfen, das Herausnehmen der zweiten und dritten Sitzreihe überflüssig zu machen. Das würde zu dem so durchdacht konzipierten Fahrzeug passen.

Autos sind zuerst zum Fahren da; richtig. Wie fährt sich ein Multivan? Um es kurz zu machen: wie ein Pkw, und zwar wie einer von der handlichen Sorte. Die Übersicht nach hinten über den Innenspiegel ist durch die Kopfstützen der zweiten und dritten Sitzreihe leicht eingeschränkt. Natürlich nötigt das fast fünf Meter lange und nahezu zwei Meter hohe Gefährt zunächst Respekt ab. Angenehm überrascht sein wird der Umsteiger von einem Pkw aber auf jeden Fall, wie lammfromm sich dieser stattliche Van - immerhin laut Fahrzeugschein schon leer 2.141 Kilogramm schwer - in Fahrt verhält. Leichter lenken lassen kann sich ein solcher Brocken kaum, auch wenn beim Rangieren auffällt, dass eine großzügige Lenkübersetzung gewählt wurde, die in Fahrt durchaus ein wenig direkter sein könnte. Wendekreis: rund zwölf Meter.

Den Vortrieb des Testwagens besorgte Volkswagens Zweiliter-Common-Rail-Diesel-aggregat in der Leistungsstufe 103 kW / 140 PS. Solange ein so motorisierter Multivan nicht voll besetzt oder sehr beladen ist, geht das in Ordnung, auch wenn der sparsamere fünfte und erst recht der sechste Gang erst später "passen" als eigentlich erwartet. Maximal zur Verfügung stehende 340 Newtonmeter müssen sich mitunter doch mühen; das ist zu spüren. Wählen lassen sich die Gänge einschließlich Rückwärtsgang sehr leicht und absolut geräuschlos über den gut in der Hand liegenden kurzen Schalthebel. Es gibt eine Ganganzeige, die zum Rauf- oder Runterschalten auffordert, wenn es an fahrerischem Gespür mangelt. Der Testwagen bescherte einen Kraftstoffverbrauch mit erwarteter Spannweite je nach den Einsatzgegebenheiten von gut neun Litern in der Stadt und - fahrstilabhängig - bis herunter auf sieben Liter bei Landstraßentouren. Auf der Autobahn pendelte der Verbrauch, abhängig vom gewählten Tempo, zwischen 9,5 und fast zwölf Litern. Für ein gewichtiges Gefährt mit nicht sonderlich windschnittigem Profil gehen auch die Höchstwerte in Ordnung. Weil selbst nahe der erreichbaren Höchstgeschwindigkeit (werksamtlich 173 km/h) im Grunde nur Windgeräusche im Auto wahrzunehmen sind (angenehme Überraschung angesichts der Konturen), erinnert selbst eine sehr zügige Autobahnfahrt nicht daran, in einem "Nutzfahrzeug" zu sitzen.

Auch das Fahrwerk des Multivan, das Unarten der Straße weitgehend "einebnet", passt zu seinem Anspruch, ein großer Van mit Pkw-Eigenschaften zu sein. In schnell angegangen Kurven wirkt die Federung schon fast zu weich. Aber mit hörbarer Unlust steckt das Fahrwerk - konkret die Vorderachse - kantige Aufpflasterungen weg, selbst wenn sie nur wenige Zentimeter hoch sind. Darauf muss man sich einstellen.

Ein Multivan "Comfortline" wie der Testwagen wird seinem Anspruch mit verschiedenen zusätzlichen Annehmlichkeiten gerecht. Die Komfortinstrumententafel mit dem "4-Augen-Kombiinstrument" gehört beispielsweise dazu, eine Multifunktionsanzeige ebenfalls. Von der Klimaautomatik profitieren nicht nur die beiden vorne Sitzenden. Auch das Handschuhfach lässt sich kühlen! Mitfahrer im Fond können ein angenehmes Raumklima an einer Bedienleiste über ihren Köpfen selbst wählen. Am Dachhimmel sind auch die Luft-Ausströmer platziert, und über den Sitzen im Fond gibt es schwenkbare Leselampen.

Das aufpreispflichtige Navigationssystem liegt ebenso gut im Blick wie alle Anzeigeinstrumente und Bedienschalter im Cockpit. Zur erhabenen Sitzposition mit großzügiger Voraussicht kommen Fahrer und Beifahrer freilich erst, nachdem sie - mit einer Hand am Hilfsgriff - über zwei Stufen einen Höhenunterschied von 53 Zentimetern überwunden haben. Schon wenig Übung lässt Ein- und Ausstieg mit erstaunlichem Schwung bewältigen.

Eigentlich leidet spontan aufkommende Begeisterung für ein Fahrzeug von Format und Erscheinung eines Multivan nur unter dem Gedanken, dass sich für das Gefährt vermutlich seltener noch als für einen gewöhnlichen Pkw eine Parklücke finden lässt. Dabei ist es allein die stattliche Höhe, die irgendwie einschüchtert. Denn Länge (4,89 m) und Breite (1,90) halten sich durchaus noch in unmittelbarer Nähe entsprechender Maße der Pkw-Mittelklasse, sind keineswegs Multiwahn. Beispielbeweis: Opels Insignia ist nur sechs Zentimeter kürzer und sieben Zentimeter weniger breit …

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