Jubiläum: 75 Jahre Jaguar

Von der Schwalbe zum Raubtier, heute wieder mit Biss: Im Jahr 1935 tauchte der Markenname Jaguar erstmals auf einem Auto aus Coventry auf.

Die Geschichte von Jaguar beginnt genau genommen schon im Jahr 1922, als William Lyons und William Walmsley das Unternehmen Swallow Sidecar Co. (später abgekürzt mit "SS") gründeten. Zunächst wurden dem Firmennamen entsprechend Motorradbeiwagen hergestellt, 1927 begann man mit der Fertigung von Karosserien für Fahrgestelle der Marke Standard. Der SS 100 von 1935 bekam als erstes Modell die Zusatzbezeichnung "Jaguar". Nach dem zweiten Weltkrieg benannte sich das Unternehmen offiziell in Jaguar Cars Ltd. um, weil im von deutschen Bombardements verwüsteten Coventry die Abkürzung unangenehme Erinnerungen wachrief.

Den Ruf der Nachkriegsjahre begründete der Name vorrangig durch Erfolge beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans, wo Jaguar quasi die Nachfolge der Bentley Boys antrat. 1951 siegte ein XK 120C, 1953 war der C-Type an der Reihe; und die Jahre 1955 bis 1957 gehörten dem markanten D-Type. Aber auch bei der schwärzesten Stunde von Le Mans, dem schweren Unfall des Jahres 1955, spielte ein Jaguar mit Mike Hawthorn am Steuer eine wesentliche Rolle. Während mit den Rennerfolgen auf der großen internationalen Bühne dann eine Zeit lang Pause war, feierte 1961 der E-Type auf dem Genfer Autosalon Premiere. Der mit Anlehnungen an den D-Type gezeichnete Sportwagen ist gemeinsam mit dem eleganten XJ des Jahres 1968 das bis heute bekannteste Modell der Marke.

Ebenso stilprägend in den 1960ern waren aber auch die beiden Limousinen Mark II und Mark X. Ab 1972 war als weiterer Baustein der Jaguar-Legende der Zwölfzylinder-V-Motor mit 5,3 Litern Hubraum im E-Type und im XJ erhältlich; das ebenso komplexe wie seidenweiche Aggregat wurde ursprünglich als Rennmaschine für den Prototyp XJ13 entwickelt, der jedoch niemals zum Einsatz kam. 1966 fusionierte Jaguar mit der British Motor Corporation des Lord Nuffield zu British Motor Holdings, ein Jahr darauf zog sich der Firmengründer William Lyons von der Unternehmensleitung zurück. Sein Nachfolger wurde der ehemalige Rennleiter F.R.W. "Lofty" England. Nach dem Produktionsende des E-Type, von dem bis 1975 insgesamt 72.584 Exemplare gebaut wurden, hatte Jaguar Schwierigkeiten, an diesen Erfolg anzuknüpfen; dazu kamen hartnäckige Streiks und Qualitätsprobleme. Ab 1968 hieß der Holdingkonzern British Leyland, dieser Name ruft heutzutage Schreckensbilder wach.

1974 ging Lofty England in Pension, seinen Ruhestand verbrachte er übrigens in Österreich, wo er 1995 verstarb. Ein Jahr darauf wurde "Britisch Elend" verstaatlicht. Während andere BL-Marken (nicht immer in Schönheit) verstarben, schleppte Jaguar sich weiter und konzentrierte sich auf die Pflege seiner Tradition. Das machte sich optisch und technisch bemerkbar, mit dem über die Jahre weitergeschleppten XJ und dem Luxuscoupé XJS geriet Jaguar im Vergleich zur Konkurrenz ins Hintertreffen. Sportlich war man in den Seventies mit dem XJS bei den Tourenwagen aktiv, unter anderem mit dem Team von "Major Tom" Walkinshaw. In Amerika pflegten Bob Tullius und seine Group 44 die Renntradition in der Trans-Am und IMSA

Ab 1984 war Jaguar wieder für kurze Zeit privat, der Boss hieß damals John Egan. Gleichzeitig kehrte man an die Stätte der früheren Erfolge zurück: Nach Le Mans. Zuerst die Group 44, dann Tom Walkinshaw Racing bauten Gruppe-C-Prototypen mit V12-Power und bis zu 7,5 Litern Hubraum. Ein Siebenliter trieb den XJR-9 zum Sieg im Jahr 1988. Am Steuer waren die Herren Jan Lammers, Andy Wallace und John Colum Crichton-Stuart, Earl of Dumfries (Johnny Dumfries für alle, die es eilig hatten). 1990 konnte man den Erfolg wiederholen, da gehörte die Firma allerdings bereits seit einem Jahr zum Ford-Konzern und bildete dort gemeinsam mit Aston Martin, Volvo, Land Rover und Lincoln die Premier Automotive Group des deutschen Autozauberers Wolfgang Reitzle.

Ein technischer Höhepunkt der 1990er war der Supersportwagen XJ220. Der Name deutete auf die Höchstgeschwindigkeit des Autos in Meilen pro Stunde hin, das sind ca. 350 km/h. Motorisch hatte der 3,5 Liter große V6 mit Turboladung seine Wurzeln in der Leyland-Ära, nämlich dem Gruppe-B-Rallyeboliden Austin Metro 6R4. Inmitten der familiären Konkurrenz innerhalb der Gruppe war eine Profilierung schwer, die stilistischen Höhenflüge wurden folglich zur Ausnahme. Fahrzeuge wie der X-Type (Frontantrieb! Kombi!! Dieselmotor!!!) wurden hämisch als Mondeo-Verschnitte fürs mittlere Management abgetan. Sportlich wenig ergiebig war das Engagement von Jaguar mit einem eigenen Formel-1-Team; ab 2001 war dort Niki Lauda für ein Jahr Rennchef. 2004 war dieser Spuk zu Ende. Von der einstigen PAG ist heute nichts mehr übrig, Ford musste verkaufen.

Bei Jaguar und auch Land Rover sind im Jahr 2008 neue Herren aus Indien eingezogen. Der Riesenkonzern unter der Leitung von Ratan Tata hat das Sagen in Coventry. Mit Modellen wie der Neuauflage des XJ, dem XF und den Sportwagen XK und XKR ist man für die Zukunft augenscheinlich gut aufgestellt. Der ehemalige Opel-Häuptling Carl-Peter Forster lenkt jetzt die Geschicke in Großbritannien und durfte pünktlich zum Jubiläum verkünden, dass die britische Marke wieder schwarze Zahlen schreibt. Ein schöneres Geburtstagsgeschenk kann man sich kaum wünschen.

mid/sw, jg

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