Mille miglia 2010 2(Bildquelle: Christian Baier, jg)
Mille miglia 2010 3(Bildquelle: Christian Baier, jg)

Mit der "Ente" bei der Mille Miglia 2010

Nach 55jähriger Absenz war heuer erstmals wieder ein Citroen 2CV am Start des berühmten Klassikers Mille Miglia - ein Erlebnisbericht!

Die Mille Miglia wurde von 1927 bis 1957 auf einem Dreieckskurs in Norditalien veranstaltet, ab 1953 sogar als Teil der Sportwagen- Weltmeisterschaft. Was, fragen sich interessierte Beobachter unwillkürlich, tut ein vergleichsweise bescheidener Citroen 2CV bei einem Sportwagen-WM-Lauf? Der 2CV war zwar ursprünglich als minimalistischer Kleinwagen konzipiert, eignete sich aber in weiterer Folge aufgrund seiner Standfestigkeit und Zuverlässigkeit auch für motorsportliche Einsätze.

Das wissen auch Christian und Margot Baier und sattelten die "deux chevaux"! Denn 2CV steht für "chevaux vapeur", also Dampfpferde(stärken). Diese französische Messeinheit wurde für die steuerliche Einstufung von Kraftfahrzeugen herangezogen, und der 2CV hatte eben zwei Dampf-Pferderln unter der Haube. Das sind natürlich nicht nur 2 PS nach heutiger Lesart, sondern beim Modell von 1954 immerhin 9, in Worten: neun. Und jedes Einzelne ist wichtig! Von den 1955 am Start stehenden acht Stück Citroen 2CV kamen immerhin fünf ins Ziel. Der Schnellste, Gert Seibert, kreuzte nach 1.597 Kilometern und 18 Stunden, 24 Minuten und 33 Sekunden (Schnitt 86,8 km/h) die Ziellinie. Dass sich Stirling Moss und sein Mercedes 300 SLR zu diesem Zeitpunkt bereits seit über Achteinviertelstunden als Sieger feiern ließen (Schnittgeschwindigkeit 157,7 km/h), sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Mille miglia 2010 2(Bildquelle: Christian Baier, jg)

Seit 1977 findet jährlich die Mille Miglia Storica statt - ausschließlich mit Fahrzeugen, die auch damals am Start standen. Inzwischen ist die Mille Miglia Storica zur absolut führenden und begehrtesten Veranstaltung der Gleichmäßigkeitsbewerbe geworden. Nur absolute Top-Piloten mit nachweisbaren Erfolgen bei selektiven, internationalen Veranstaltungen werden ausgewählt. So haben heuer von 1.440 Interessenten nur 375 ihren Namen auf der Startliste gefunden. Das in der österreichischen Oldtimerrallye-Szene bestens bekannte Team Christian und Margot Baier war mit seinem originalgetreu restaurierten Citroen 2CV, Baujahr 1954, erstmalig dabei. Mit Siegen und Top-Platzierungen bei der Ennstal Classic, Planai Classic, Wien-Triest, 1000 Minuten Classic und vielen anderen Historic-Rallyes haben sie sich für einen fixen Startplatz empfohlen. Dass die Angelegenheit keine touristische Ausfahrt werden würde, war ihnen von Anfang an klar. Und es bestätigte sich schon bei der technischen Abnahme: Mehr als zwei Stunden lang werden von den technischen Kommissaren alle Details des Fahrzeugs sorgfältig auf Authentizität geprüft und - wie auch bei den Veranstaltungen der 1950er - plombiert. Erst danach ist der Weg frei für die Startaufstellung.

Mille miglia 2010 3(Bildquelle: Christian Baier, jg)

Wer schon einmal italienische Massen in Euphorie erlebt hat, kann sich vorstellen, in welcher Atmosphäre die Teilnehmer zur Startrampe begleitet werden. Tatsächlich los geht es dann für das für Citroen Wien startende Team um 20:33 Uhr (deshalb auch die Startnummer 2033), bis zum Eintreffen in Bologna um 1:30 Uhr früh müssen zahlreiche Präzisions-Sonderprüfungen absolviert werden. Am nächsten Morgen um 7:45 Uhr erfolgt der Re-Start und nach Imola geht es dann über den Taminillo-Pass bei plus 2 Grad Celsius, 2 Meter hohen Schneewänden und einer Sichtweite von maximal 15 Meter, Richtung Rom - immer begleitet von selektiven Wertungsprüfungen. Rom - ein einziges Staccato: Begleitet von der örtlichen Polizei geht es durch die nächtlichen Straßen der Ewigen Stadt. Petersplatz, Engelsburg, Spanische Treppe, alles rast in einem Irrsinnstempo vorbei. Das Ziel: die Villa Borghese in der Sollzeit (gegen 1:30 Uhr) zu erreichen und somit die Etappe ohne Strafzeit zu beenden.

Mille miglia 2010 4(Bildquelle: Christian Baier, jg)

Wer an Gemütlichkeit denkt, der irrt gewaltig, denn sechs Stunden später wird das Rennen wieder aufgenommen. Die Stadtdurchfahrten von Florenz und Siena erfolgen im gewohnten Renntempo, und über die gefürchteten Pässe Futa und Raricosa - vorbei an gestrandeten Teilnehmern, die auf den Fahrzeugtransporter warten - zeigt das Ententier seine wahre Bergtauglichkeit. So wird am späten Nachmittag Maranello erreicht, wo es auf dem Werksgelände von Ferrari zu einer weiteren Sonderprüfung auf der Rennstrecke von Fiorano kommt. Die Bremspunkte von 100 Metern und 50 Metern vor den Kurven hat Enzo Ferrari für den 2CV nicht richtig eingeschätzt, denn viele Kurven gehen voll. Nach diesem Ausflug in die automobile Gegenwart wird die Toskana nochmals durchfahren und über Parma geht es zur letzen Zeitkontrolle 20 Kilometer vor dem Zielort. Brescia selbst wird im Triumphzug genommen. Unmengen von Menschen säumen die Straßen und die Begeisterung kennt keine Grenzen, wenn schlussendlich die Zielrampe erreicht ist.

Dann, wenn die ganze Anspannung der letzten drei Tage vorbei ist, dann sind die Emotionen an der Reihe und man denkt nicht daran, dass man nach nur 50 Stunden und 1.600 absolvierten Kilometern wieder nach Brescia zurückgekehrt ist, davon 39 Stunden gefahren ist, und nur sieben Stunden geschlafen hat - es überwiegt das Glück. Die Teilnehmer liegen einander in den Armen und freuen sich, dass sie und ihre kostbaren Fahrzeuge diese Gewaltprüfung geschafft haben. Wie das Rennen tatsächlich ausgegangen ist, ist absolute Nebensache. Oder doch zumindest fast: Denn Baier/Baier sind stolz, zahlreiche automobile Juwele hinter sich gelassen zu haben. Und dass ihr 172. Platz um exakt 76 Positionen besser ist als jener, den Gert Seibert anno 1955 einfahren konnte.

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