Mercedes-Benz baut Opel LKW - Ein Rückblick

Kuriosum aus den Tiefen der Geschichte: Bei Mercedes-Benz liefen in Krieg und Frieden über 10.000 Stück eines Opel-Lastwagens vom Band.

Die Betriebsanleitung von 1948 weist den "3 Tonner Opel-Blitz" mit dem Zusatz "Nachbau Daimler-Benz" als eines der merkwürdigsten Fahrzeuge des Konzerns aus. Im Bewusstsein seiner "fremden" Herkunft versah Mercedes den Lastwagen mit keinerlei Firmenzeichen.

Trotz seines maus- oder zumeist feldgrauen Äußeren war der L701 wegweisend. Zum einen als zahlenstärkster Lkw der deutschen Kriegsmaschinerie, aber auch als Wegbereiter in den Nachkriegsjahren. In der Vorkriegszeit teilten sich Daimler-Benz und Opel-Blitz das mittelschwere Segment. Der Opel glänzte mit einem temperamentvollen Benziner, der Dreitonner von Daimler-Benz mit einem eher behäbigen und schweren, aber sparsamen Diesel. Mit dem Kriegsausbruch und dem Einsetzen der Kriegswirtschaft musste Daimler-Benz dann ausgerechnet das stärkste Konkurrenzprodukt zwangsweise in den eigenen Hallen fertigen.

Die hohe Nutzlast und die Gelände- eigenschaften des Opel führen dazu, dass der Rüstungsminister Albert Speer ihn zum alleinigen Produkt in der Dreitonnen-Klasse bestimmt - zu bauen nicht nur bei Opel selbst, sondern auch von den darüber hocherfreuten Konkurrenten Borgward und Daimler-Benz. Ein Vertrag im Jahr 1942 besiegelt den Nachbau juristisch. Damit fällt vorerst der Vorhang für die Daimler'schen Bestrebungen, einen ebenbürtigen Rivalen auf die Räder zu stellen. Der hauseigene Diesel-Lastwagen ist weiterhin übergewichtig; er kommt bei 6,7 Tonnen Gesamtgewicht nur auf eine Nutzlast von 3,1 Tonnen. Zum Vergleich: Der ab August 1944 gefertigte Nachbau des Opel Blitz verfügt über 3,3 Tonnen Nutzlast und begnügt sich dafür mit einem zulässigen Gesamtgewicht von 5,8 Tonnen. In Zeiten knappen Materials besonders wichtig: Für das sogenannte Kontingentgewicht von zwei Mercedes-Benz L 3000 lassen sich drei Opel Blitz herstellen.

Zwischen Vertragsabschluss und Produktion vergehen fast zwei Jahre. Zum einen spielt das Mercedes-Management, vor allem der Vorstandsvorsitzende Wilhelm Kissel, nur ungern bei der Entscheidung für das Fremdprodukt mit. Andererseits reift in der Stuttgarter Konzernzentrale bereits die Erkenntnis, dass die Umstellung ihr Gutes haben könnte. Denn eine Ablehnung hätte womöglich dazu geführt, zwangsweise auf die Produktion "branchenfremden" Kriegsmaterials umschwenken zu müssen und damit bei der Lkw-Produktion womöglich für immer ins Abseits zu geraten. Letzten Endes befürwortet der Vorstand zu Kissels Unmut die Produktion des Opel-Blitz. Kissels Nachfolger Wilhelm Haspel erkennt, die Lkw-Produktion sei "von lebenswichtiger Bedeutung für die Nachkriegsperiode, denn wenn wir einmal herauskommen würden, würde es sehr schwierig sein, die Fahrzeugproduktion wieder aufzunehmen." Gleichzeitig fährt ein umgebauter Blitz mit einem hauseigenen luftgekühlten Motor-Prototypen namens OM 175, man hatte also still und heimlich auch eigene Eisen im Feuer.

Die Produktionsumstellung gestaltet sich schwierig: Nicht nur das Auftreiben der nötigen Anlagen unter den Bedingungen der Kriegswirtschaft, sondern auch die Einbindung der neuen Fertigung in die bestehende Fabrik. Von dieser Modernisierung sollte das Daimler-Werk allerdings letztlich profitieren. Immer noch schleppend läuft die Produktion ab August 1944 an. Bis zum Zusammenbruch des Deutschen Reiches rund ein halbes Jahr später werden nur 3.500 Fahrzeuge produziert. Zu dieser Zeit ist Mercedes-Benz der einzige verbliebene Lieferant des Opel Blitz, weil die Produktion im Opel-Werk Brandenburg bereits nach einem Bombenangriff im August 1944 zum Erliegen kommt und aus der geplanten Fertigung bei Borgward wegen der Luftangriffe nichts wird. Geliefert wird der Nachbau des Opel Blitz in Wehrmachtsausführung mit Einheitsfahrerhaus aus Holzfaser-Hartplatte aus Gründen der Materialersparnis und mit verstärkter Hinterachsfederung, Ölbad-Luftfilter für den Motor und von 55 auf 50 kW reduzierter Leistung zwecks besserem Drehmomentverlauf. Der ursprünglich bis Kriegsende begrenzte Nachbauvertrag umfasst die Fertigung des Blitz in zwei Radständen und einer Allradvariante. Umgesetzt wird all dies nicht mehr; aber der Nachbauvertrag wird noch zwei Mal verlängert. Denn nach dem Krieg erweist sich das nur mäßig in Mitleidenschaft gezogene Werk als Glücksfall.

Ungeliebte Allianz

Die Produktion ruht nur relativ kurz: Einheiten der 7. US-Armee besetzen das Mannheimer Werk am 11. April 1945, schon im Mai setzt die Lkw-Fertigung in Mannheim zögerlich wieder ein. Immerhin verfügt man dort weitgehend über unzerstörte, hochmoderne und obendrein vom Staat bezahlte Anlagen. So dominiert bis zu seiner Ablösung 1949 das Fremdprodukt L 701 die Lkw-Produktion bei Daimler-Benz. Ab 1948 liefert Opel auch wieder die ursprüngliche zivile Stahlkabine. Der Opel bei Mercedes ist für die Firma auch ein Sorgenkind; schon deshalb, weil Opel den Nachbauvertrag jederzeit mit zwei Jahren Frist kündigen kann - eine potentielle Zwickmühle. Tatsächlich kündigt Opel mit Mitte 1947. Zwar wird freundschaftlich eine Verlängerung des Vertrags erreicht, doch das ändert nichts daran, dass Daimler-Benz diese Abhängigkeit so rasch wie möglich hinter sich lassen will. Im Mai 1949 stellt man den markeninternen Blitz-Nachfolger L 3250 vor. Und am 10. Juni 1949 rollt nach 10.300 gebauten Exemplaren der letzte L 701 vom Mannheimer Band. Ganz tritt der Opel Blitz damit noch nicht ab: Aus vorgefertigten Teilen stellt Opel in Rüsselsheim von 1950 bis 1954 noch 467 Fahrzeuge her, motorisiert mit dem Sechszylinder-Benziner des "Kapitän". Nachfolger gibt es keinen, denn die Uhr für Benziner in mittelschweren Nutzfahrzeugen ist abgelaufen.

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