Neuer BMW 740i - Testbericht

Sportliches Flaggschiff

Seit über 30 Jahren ist die 7er Reihe das Flaggschiff von BMW , mittlerweile ist die 5. Generation des großen Bayern auf dem Markt. Seit Jahrzehnten ist der 7er der direkte Konkurrent der S-Klasse von Mercedes, seit einigen Jahren mischt auch der Audi A8 in diesem Segment kräftig mit.

Der bis 2008 gebaute Vorgänger des 7er BMW sorgte vor allem zu Beginn seiner Laufbahn für Schlagzeilen, wenngleich oftmals negative. Nicht etwa, weil die Qualität nicht stimmte, sondern vielmehr aufgrund der Optik des von Chris Bangle gezeichneten Wagens. Der aufgesetzte Kofferraumdeckel missfiel vor allem der konservativen Kundschaft, in Nahost und den USA hingegen kamen die ungewohnten Linien gut an.

So ist es auch kein Wunder, dass BMW nie zuvor mehr Siebener verkauft hat als von der letzten Baureihe. Die Latte für den intern als "F01" bezeichneten Bayern liegt jedenfalls hoch. Die Linienführung fiel deutlich konservativer aus, wenngleich nicht unschick und mit der gewohnt sportlichen Note. Einzig die typische BMW-Niere trägt etwas dick auf, weniger wäre da wohl etwas mehr gewesen.

Doch nachdem Design immer Geschmackssache bleiben wird, halten wir uns mit der Optik nicht lange auf. Der neue 7er hat schließlich auch technisch einiges zu bieten, das wir im Verlauf dieses Testberichtes vorstellen wollen. Der Großteil der 7er-Zulassungen fällt hierzulande wenig überraschend auf den 730d. Kein Wunder, ist man damit nicht nur souverän motorisiert, sondern im Verhältnis zu Leistung und Gewicht auch extrem sparsam unterwegs.

Wir haben uns dennoch für einen Benziner entschieden, und zwar für den 740i . Kenner der BMW-Nomenklatur könnten durch diese Bezeichnung in die Irre geführt werden, denn bis vor kurzem stand diese Bezeichnung für einen Vierliter-Achtzylinder. Das so genannte "Downsizing" hat aber auch bei BMW Einzug gehalten, unter der Haube arbeitet jedenfalls ein Sechszylinder mit 326 PS, der den Achtender aber würdig vertritt.

Der Basispreis des 740i liegt bei 88.700 Euro, der 730d steht mit 78.750 Euro als günstigster 7er in der Preisliste. Keine Frage, dass BMW vor allem beim 7er eine wahre Flut an Extras bereithält und dafür auch kräftig zulangt. Der Gesamtpreis unseres Testwagens lag bei satten 126.737 Euro, somit machen alleine die optionalen Features 38.000 Euro aus. Der Finanzminister verdient an diesem Auto durch NoVA, CO2-Malus und Steuer übrigens über 35.000 Euro, somit trägt der geneigte Käufer - wenngleich unfreiwillig - kräftig zum Staatshaushalt bei…

Innenraum

Während der Vorgänger auch innen durchaus etwas gewöhnungsbedürftig auftrat, zeigt sich der neue 7er wieder als typischer BMW. Das Cockpit ist in guter alter BMW-Tradition zum Fahrer hin orientiert, was die Bedienung noch leichter und angenehmer macht. Die Knöpferlflut anderer Hersteller hat BMW bereits aus dem letzten 7er verbannt und stattdessen das so genannte "i-Drive"-Bediensystem eingeführt.

Kaum war die Kritik am Exterieur halbwegs verstummt, bekamen die Münchner neuerlich ein paar auf die Finger. Als unübersichtlich, kompliziert und unnötig wurde "i-Drive" sowohl von einigen Kunden als auch einigen Medien in die Wüste geschickt. Doch glücklicherweise ließ man sich bei BMW dadurch nicht aus der Ruhe bringen und verbesserte das an und für sich geniale System immer weiter.

Und dass der Lösungsansatz einer vereinfachten und zentralen Bedienung richtig war, zeigt die direkte Konkurrenz aus Ingolstadt und Stuttgart, wo sich seit einigen Jahren ebensolche Systeme befinden. Die letzte "i-Drive"-Ausbaustufe hat jedenfalls allfällige Kinderkrankheiten abgelegt und sorgt mit Direktwahltasten für Telefon, Navigation, Radio uvm. für eine wirklich watscheneinfache Bedienung.

Beim 7er ist BMW sogar einen Schritt weiter gegangen: auf eine oftmals Hunderte von Seiten starke Bedienungsanleitung wurde verzichtet, das Bordhandbuch ist nun virtuell auf dem Monitor abrufbar. Der Vorteil: Enthalten sind nur jene Features, die im jeweiligen Auto auch verbaut sind, Extras, die nicht geordert wurden, werden auch nicht unnötigerweise erklärt.

Die verwendeten Materialien sind allesamt sehr hochwertig, auch die Verarbeitung lässt keine Wünsche offen. Die dunklen Wurzelholz-Einlagen harmonieren sehr gut mit dem sportlichen Touch des 7ers, der Kunde hat die Qual der Wahl zwischen verschiedenen Farbtönen und Materialkombinationen.

Am obligatorischen Österreich-Paket führt bei BMW kein Weg vorbei, auch beim Topmodell ist das nicht anders. Für 6.525 Euro bekommt man Ledersitze inkl. Sitzheizung, einen Komfortzugang, eine elektrische Heckklappenbetätigung, eine Alarmanlage, einen Skisack, eine Sonnenschutzrollo für die Heckscheibe und einiges mehr.

Aufgrund der pompösen Ausstattung unseres Testwagens können wir nicht auf jedes einzelne Goody eingehen, die wichtigsten Dinge sollen aber nicht unerwähnt bleiben. Das Navigationssystem ist in dieser Fahrzeugklasse natürlich ein Muss, wer was auf sich hält, bestellt den TV-Tuner samt Fünffach-DVD-Wechsler gleich mit, macht in Summe allerdings stolze 5.500 Euro. Absolut empfehlenswert sind die elektrisch verstellbaren Komfortsitze (2.480 Euro), die dank ausziehbarer Schenkelauflage einen unübertroffenen Sitzkomfort bieten.

Ein sinnvolles Extra ist auch das Sideview-System für humane 500 Euro. Zwei in den vorderen Kotflügeln angebrachte Mini-Kameras ermöglichen dem Fahrer, z.B. unübersichtliche Kreuzungen auch dann einzusehen, wenn der 7er nur seine "Nase" ein paar Zentimeter in die Stelle hineinstreckt. Der Fahrer bekommt im Split-Modus etwaigen Querverkehr angezeigt und muss somit nicht zu weit in die potenzielle Gefahrenstelle einfahren. Wird die Geschwindigkeit wieder erhöht, schalten sich die Kameras automatisch aus.

Eine Empfehlung bekommt auch die aktive Sitzbelüftung vorne (745 Euro), gerade an schweißtreibenden Sommertagen ein Extra, das man nicht mehr missen möchte. Gemischte Meinungen gab es zum Head-Up-Display, mit 1.600 Euro eine schon nicht mehr ganz so günstige Anschaffung. Die wichtigsten Informationen wie Geschwindigkeit oder auch Navi-Hinweise werden dabei in die Frontscheibe eingeblendet, der Fahrer kann sich voll auf die Straße konzentrieren.

Das Platzangebot im Fond ist ausreichend, wer den 7er als Chauffeur-Limousine nutzen möchte, der wird ohnedies zur Langversion greifen.

Fahren & Tanken

Derzeit gibt es drei Motoren für den neuen 7er, den 740i (Sechszylinder mit 326 PS), den 750i (Achtzylinder mit 408 PS) sowie den 730d (Sechszylinder-Diesel mit 245 PS). Demnächst wird die Modellpalette mit dem 760i Zwölfzylinder - sagenhafte 544 PS - nach oben ausgeweitet, auch der xDrive-Allradantrieb wird nachgereicht.

Bescheiden wie wir sind, haben wir uns für den Basisbenziner entschieden, wenngleich man mit dieser Wahl keinerlei Abstriche machen muss. Mit 326 PS und nicht zuletzt dank doppelter Turboaufladung ist der 740i mehr als ausreichend motorisiert. Um für 750i und 760i noch tiefer in die Tasche zu greifen, muss man schon ein ausgesprochener Auto-Aficionado sein.

Mit knapp zwei Tonnen ist der 740i kein Leichtgewicht, nicht zuletzt die geballte Ladung Technik hat aber eben auch ihr Gewicht. Tempo 100 km/h ist dennoch in 5,9 Sekunden erreicht, spätestens jetzt ist ein möglicher fahler Beigeschmack des „kleinsten“ Benziners wohl endgültig weg.

Die Höchstgeschwindigkeit liegt erwartungs- und standesgemäß bei abgeregelten 250 km/h, dass der neue Siebener BMW auch bei Tempi über 200 km/h satt und sicher auf der Straße liegt, konnten wir bei der Präsentation des Autos - in Deutschland - bereits erfahren. 9,9 Liter gibt BMW als Durchschnittsverbrauch an , auch wenn man den in der Praxis kaum erreichen wird, rund zwölf Liter sind für dieses Fahrzeug immer noch ein guter Wert.

Dass dieses Auto ausschließlich mit Automatikgetriebe zu haben ist, wundert wenig, die Sechsgang-Automatik macht ihren Job auch sehr gut und harmonisch. Die Gangwechsel gehen flott und ruckfrei über die Bühne, das Bedürfnis manuell die Gänge zu sortieren, stellt sich höchstens bei steileren Bergabfahrten ein.

Beim Fahrwerk ist es den Ingenieuren einmal mehr gelungen, den Spagat zwischen Komfort und Sport zu finden. Die serienmäßige dynamische Dämpfer-Kontrolle ermöglicht es dem Fahrer, aus vier verschiedenen Abstimmungsmodi - von Comfort bis zu Sport+ - die den jeweiligen Bedingungen und Vorlieben entsprechende Einstellung zu finden.

Wer Agilität auf höchstem Niveau auch in einer Luxuslimousine nicht missen möchte, der sollte auf der Liste der Sonderausstattungen die Punkte "Dynamic Drive" und "Integral-Aktivlenkung" ankreuzen. " Dynamic Drive " sorgt dafür, dass der Fahrzeugaufbau auch in Kurven oder bei plötzlichen Ausweichmanövern immer nahezu gerade bleibt, Schaukelbewegungen gehören damit der Vergangenheit an. Und die Aktivlenkung sorgt zum einen bei niedrigen Geschwindigkeiten für eine deutlich direktere Lenkübersetzung, bei höheren Geschwindigkeit lenken zudem die Hinterräder mit, was zum Beispiel Spurwechsel auf der Autobahn harmonischer erscheinen lässt, vor allem für die Fondpassagiere. Kehrseite der beiden technischen Gustostückerln ist der Preis, für "Dynamic Drive" verlangen die Bayern 2.845 Euro, die Aktivlenkung steht mit 2.050 Euro in der Preisliste.

Und weil es dann auf weitere 2.230 Euro auch nicht mehr ankommt, machen Sie doch auch ein Kreuzerl beim aktiven Tempomaten mit "Stop & Go"-Funktion . Ein Radar-Auge erfasst vorausfahrende Autos und hält dann automatisch einen vorher definierten Abstand, im "Stop & Go"-Verkehr in der Stadt oder bei einem Stau bremst das Fahrzeug bis zum Stillstand ab und fährt wieder an, wenn sich das vorausfahrende Auto wieder in Bewegung setzt. Positiv: Die Radar-Abstandsfunktion lässt sich auch deaktivieren, man fährt dann mit einem herkömmlichen Tempomaten. Das kann besonders bei verschiedenen Verkehrssituationen auf der Autobahn hilfreich sein.

Spurwechselwarnung (738 Euro) und Spurverlassenswarnung (630 Euro) ergänzen das optionale Sicherheitsprogramm des BMW 7er. Die Spurwechselwarnung informiert mittels Licht am Außenspiegel über Fahrzeuge im toten Winkel, die Spurverlassenswarnung lässt das Lenkrad vibrieren, wenn die Elektronik der Meinung ist, man verlässt ungewollt eine Fahrspur über Leit- oder Sperrlinien. Als Tüpfelchen auf dem I gibt es noch eine Speed-Limit-Info , die aktuelle Geschwindigkeitsbeschränkungen erkennt und dem Fahrer ins Display einblendet.

Testurteil

Plus:
+ hervorragende Verarbeitung
+ zahlreiche technische Finessen
+ kräftiger Motor
+ akzeptabler Verbrauch

Minus:
-    hoher Grundpreis
-    teure Extras
-    ohne Österreich-Paket unterdurchschnittliche Serienausstattung

Unser Eindruck:
Verarbeitung: 1
Ausstattung: 2 (mit Ö-Paket)
Bedienung: 1
Komfort: 1
Verbrauch: 2
Fahrleistung: 1
Sicherheitsausstattung: 1

Resümee:
Der neue 7er BMW setzt wieder Maßstäbe in seiner Klasse, optisch deutlich gefälliger als der Vorgänger, überzeugen vor allem die - leider größtenteils optionalen - technischen Schmankerln des großen Bayern.

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