Tracktest : VW Scirocco R-Cup und GT24 CNG

Wir hatten die Gelegenheit in Oschersleben den VW Scirocco R-Cup sowie den ebenfalls erdgasgetriebenen 24-Stunden-Boliden selbst zu erfahren.

Vollgas gibt man am besten auf der Rennstrecke, im konkreten Fall sogar im wahrsten Sinn des Wortes. Wir waren zum VW-Tracktest in Oschersleben geladen und hatten die Möglichkeit, gleich zwei Erdgas-Boliden auf den Zahn zu fühlen. VW möchte das Thema Erdgas salonfähig machen. Um die Aufmerksamkeit auch auf die wirklich tadellosen Serienmodelle Touran und Passat Ecofuel mit 150 Turbo-PS zu lenken, hilft man mit groß angelegtem Engagement im Motorsport nach. Bereits beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring hielten drei Erdgas-Scirocco die Flaggen alternativ betriebener Fahrzeuge hoch. Der Serie deutlich nähere Sciroccos kommen seit Anfang der Saison auch im neu gegründeten Scirocco R Cup zum Einsatz. Die Rennen finden im Rahmen der DTM statt. Erstmals weltweit fährt nun also ein Markenpokal mit Erdgas. Grund genug, uns einmal selbst hinters Steuer eines solchen Boliden zu klemmen und einige Runden in Oschersleben zu absolvieren.

Den Anfang macht der Cup-Scirocco. 225 PS leistet der turboaufgeladene Zweiliter Bioerdgas-Motor. Trotz einiger Rennsport-Komponenten wie Bremsen, Überrollkäfig, Feuerlöschanlage usw. sind wesentliche Teile aus der Serie übernommen. Gleich zu Beginn überrascht das serienmäßige Lederlenkrad samt aktivem Airbag, selbst die Schaltwippen des DSG-Getriebes blieben erhalten. Denn das Doppelkupplungsgetriebe stammt ebenso aus dem Serienauto wie die dazugehörige Schaltkulisse. Der Gastank ist im hinteren Bereich des Fahrzeuges untergebracht, geschützt durch den massiven Überrollkäfig. Die Serienautos werden in Portugal gebaut und auch dort zu Rennfahrzeugen umgerüstet: Der Innenraum wird leergeräumt und das Dämmmaterial ebenso entfernt wie unnötiger Ballast.

Zu unserer Überraschung wird das gasbetriebene Cup-Auto auch per konventionellem Zündschlüssel gestartet, Startknopf gibt’s keinen. Sonor röhrt der Volkswagen vor sich hin; vielleicht nicht ganz so lautstark wie das ein Benziner tun würde, aber keinesfalls leise. Wir legen den DSG-Hebel in die manuelle Schaltgasse - das Auto ließe sich kuioserweise auch im Automatikmodus fahren. Zunächst zeigt uns ein Instruktor mit einem Serien-Golf R die richtige Linie. Die Rennstrecke von Oschersleben ist für Neulinge doppelt dankbar: Zum einen sorgen verschiedene Kurvenradien und zwei lange Geraden für Abwechslung, zum anderen ist der knapp 3,7 Kilometer lange Kurs relativ schnell zu merken. Nach einigen Runden geht’s zunächst zurück in die Boxengasse, ehe es dann ernst wird. Vorab noch mahnende Worte, man möge das Auto ganz lassen; dann werden eine Handvoll Autos auf die Piste geschickt. Jetzt geht der Spaß so richtig los! Man tastet sich zunächst langsam ans Limit und stellt schnell fest, dass der Cup-Scirocco eigentlich watscheneinfach zu fahren ist. Selbst im Grenzbereich zeigt sich der Bolide gutmütig, wer Kurven zu schnell anfährt, wird mit Fronttriebler-typischem Untersteuern bestraft. Das Heck bleibt relativ stabil, einzig scharfe Bremsmanöver in der Kurve münden in Heckschwenks.

Das DSG-Getriebe macht bereits auf der Straße großen Spaß, auf der Rennstrecke ist der Genuß nochmals größer: Unter dem Grollen und Fauchen des Erdgas-Motors wird - klack, klack! - ein Gang nach dem anderen eingelegt. Runde für Runde werde ich schneller und laufe schließlich auf einen Kollegen auf. Nun wird es Zeit, auf der Start-/Zielgeraden den roten Knopf am Lenkrad zu drücken. Dieser "Push to pass"-Button flößt dem Scirocco für eine vor jedem Rennen definierte Zeit (in der Regel einige Sekunden) - 50 PS mehr Leistung ein, um das Überholen einfacher zu gestalten. Allerdings sieht das auch die Konkurrenz: Denn sobald der Knopf gedrückt ist, leuchtet vorne und hinten am Auto eine blaue Lampe. Der unter Druck gesetzte Pilot kann also kontern, wenngleich man pro Rennen nur eine bestimmte Anzahl von "Push to pass"-Aktivierungen zur Verfügung hat und nach jedem Knopfdruck eine - ebenfalls von Rennstrecke zu Rennstrecke unterschiedliche - Zwangspause der Überholhilfe zu überdauern ist.

Zurück zur Action auf der Piste: In der Zielkurve bin ich richtig knapp hinter meinem Vordermann. Just in dem Moment, als ich meinen PS-Vorteil ausspielen will und den "Push to pass" Knopf drücke, geht auch im Auto vor mir das blaue Licht an. Ich kann allerdings einen leichten Geschwindigkeitsüberschuss mitnehmen und setze zur Hälfte der Start-/Zielgeraden zum Überholen an. Vor uns liegt eine 90-Grad Linkskurve. Ich bremse spät und hart. Geschafft, das Überholmanöver ist gelungen! Als ich im Windschatten des nächsten Piloten auftauche, ist unser Turn leider zu Ende, es geht zurück an die Boxen. Es folgt der fliegende Wechsel in den 24-Stunden Scirocco, allerdings auf die Beifahrerseite. Am Steuer sitzt einer der Piloten des 24-Stunden-Rennens, der Schwede Jimmy Johansson. Er schreitet dann so richtig zur Sache. Der Scirocco wird im Tiefflug um den Kurs gehetzt, der gute Jimmy fährt brutal über die Curbs und darüber hinaus. Muss in seinem früheren Leben Rallyefahrer gewesen sein, so wie der cuttet. Jimmy schenkt dem Scirocco nichts, ich habe meinen Spaß am Beifahrersitz, möchte die Rakete aber unbedingt auch selbst fahren.

Und ich bekomme meine Chance: VW Motorsport vertraut mir den 24-Stunden-Renner an - mutig, die Burschen! Ich bekomme eine Einschulung in die Besonderheiten des Autos; im Prinzip ähnelt es aber dem Cup-Scirocco. Kleiner Unterschied: Im waschechten Rennboliden gibt’s einen zweiten Gastank, wo normalerweise der Beifahrersitz wäre. Die Sitzposition ist für meine 1,92 Zentimeter Körpergröße aber deutlich angenehmer, tiefer und weiter hinten, perfekt! Plötzlich beginnt es zu regnen, und ich sehe meine Chance das Auto zu fahren, schwinden. Aber weit gefehlt, das Team montiert Regenreifen! Allerdings war der Schauer nur kurz und die Piste sofort wieder trocken, also zurück auf Slicks. Sehr gut!

Mit dem dezenten Hinweis, dass die Reifen noch kalt sind und deshalb Vorsicht angebracht ist, werde ich auf die Piste entlassen. Und gleich bei der Boxenausfahrt gibt’s eine Schrecksekunde: Nicht nur die Reifen, auch die Bremsen sind noch kalt. Man benötigt den dreifachen Pedaldruck des Cup-Autos, um eine ähnliche Bremswirkung zu erzielen. Jetzt sind meine Sinne endgültig geschärft und in Alarmbereitschaft versetzt. Die erste Runde dient dazu, Reifen und Bremsen auf Betriebstemperatur zu bringen. Das Plus an Leistung ist deutlich spürbar, auch die Bremse geht ungleich bissiger zu Werke - so man den optimalen Pedaldruck findet. Ich steige beim Anbremsen der Linkskurve nach Start/Ziel so fest in die Eisen, dass gefühlsmäßig bereits alle vier Räder blockieren. Aber nichts dergleichen ist der Fall, vermutlich könnte ich noch wesentlich fester ins Pedal treten. Aber bitte, in ein paar Runden wird aus mir kein Jimmy Johansson.

Dennoch steigere ich mich Runde für Runde. Es wird später gebremst, früher beschleunigt, der Scirocco CNG24 scheint am Oscherslebener Asphalt zu kleben. "Push to pass" Knopf gibt’s hier natürlich keinen, denn 330 PS sind auch so mehr als genug. Gemessen an der zumindest subjektiv unglaublich schnell vergangenen Zeit hinter dem Steuer dieses Rennautos muss ich sensationelle Rundenzeiten gefahren sein. Da mir in der Boxengasse aber weder jemand gratuliert noch irgendwer einen Fahrervertrag zum Unterschreiben hinhält, war das vielleicht nur mein Eindruck. Wie auch immer, ich freue mich über die Ehre, als einziger Österreicher den 24-Stunden-Renner gefahren zu sein und ihn auch wieder heil an die Boxen zurück gebracht zu haben.

Beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring sicherte sich der schnellste der drei Bio-Erdgas-Scirocco den respektablen 16. Gesamtrang unter nicht weniger als 200 Startern. Ganz nebenbei war man damit auch das schnellste Auto mit Frontantrieb. Wer die durchaus actionreichen Rennen des VW Scirocco R Cup miterleben möchte, der kann dies bereits am kommenden Wochenende auf dem Nürburgring tun. Als besonderer Leckerbissen geben sich hier auch fünf Nürburgring-Spezialisten als prominente Gaststarter ein Stelldichein: Sabine Schmitz, Uwe Alzen, Altfrid Heger, Olaf Manthey und Hans-Joachim Stuck. Sport1 und n-tv berichten über das Rennen, auf www.volkswagen-motorsport.com ist zudem ein Live-Stream geplant. Mitten drin statt nur dabei? Sie wollen nicht nur zuschauen sondern selbst am VW Scirocco R-Cup teilnehmen? Kein Problem! Für 50.000 Euro kann man sich in den Junior-Cup, für 75.000 Euro pro Saison in den Pro-Cup einschreiben. Darin enthalten sind Vorbereitung, Wartung und Einsatz des Fahrzeuges sowie Rennoverall, Teamkleidung, Zugang zur Volkswagen Hospitality und Betreuung durch Instruktoren und Techniker.

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