Honda Integra 700 ABS DCT - Testbericht

Honda eröffnet dem neuen Roller-Motorrad oder auch Motorrad-Roller ein neues Segment. Und einen neuen Verbrauchsmaßstab. Liter/100 km im Mix sollen es sein.

Nehm’ ich einen Roller? Oder nehm’ ich ein Motorrad? Wer nicht dezidiert für das eine oder andere plädiert, steht vor einer schwierigen Entscheidung. Entweder sich die Vorteile eines Scooters einzuhandeln, mit simpler Handhabung, einigermaßen Stauraum und Schaltfreiheit oder die eines Bikes, mit entsprechender Fahr-Dynamik, großen Rädern und echtem Fahrwerk.

Gegen diese Qual der Wahl hat Honda neuerdings etwas: Ein Roller-Motorrad oder auch einen Motorrad-Roller. Und der heißt Integra, womit die Typenbezeichnung bereits impliziert, dass Scooter und Bike in ein Fahrzeug gepackt worden sind.
Mit diesem Crossover hat der japanische Zweirad-Hersteller eine neue Klasse für sich geschaffen. Eine, die "das beste aus beiden Welten" in einem Fahrzeug vereinen soll, nämlich die Praxis-Eigenschaften eines Rollers und das Fahrverhalten eines Motorrades.

Der Integra eröffnet nicht nur ein neues Segment, er ist - mit zwei weiteren, jedoch eindeutigen Motorrad-Modellen - auch den Anfang einer neuen Baureihe. Die hat ein - ebenfalls - neues Herz, sprich einen neuen Motor: Es handelt sich um einen 670 ccm-Parallel-Twin, der speziell für die Mittelklasse konzipiert wurde. Er leistet 52 PS, und ist weniger auf hohe Drehzahlen und mächtige Top-Leistung, sondern auf spontanes Ansprechverhalten und sattes Drehmoment vom Drehzahlkeller an abgestimmt. Und auf Verbrauchssparsamkeit. Den Durchschnitts-Konsum beziffert Honda mit 3,6 Litern auf 100 Kilometern. Da sollten sich mit einer Tankfüllung (15 Liter) an die 400 Kilometer ausgehen. Ein starkes Argument in Zeiten der täglichen Benzinpreis-Erhöhungen, und es ist ja nicht mehr egal, wie viel Sprit ein Motorrad verbrennt. Heutzutage gibt es etliche - gar nicht leistungssschwache - Automodelle, die mit weniger Sprit auskommen können als so manches Bike.

Gemäß seinem Zwitter-Status liegt die Figur des Integra so ziemlich in der Mitte zwischen Motorrad und (Sport-)Roller, mit einer Art Frontschürze und aufrechter Sitzposition auf dem ausladenden Sattel - mit Stauraum darunter. Die Technik allerdings ist die eines Motorrads: Stahlrahmen, Telegabel, Zentralfederbein, also hat er keine der roller-typischen Triebsatz-Schwingen. Anders als bei bisher allen anderen Rollern ist der Antriebsstrang: Der Integra hat ein echtes Schaltgetriebe, das allerdings via Doppelkupplungssystem - wie automatisch - die Gänge wechselt. Dieses heißt kurz DCT (Double Clutch Transmission), und hat sein Debut vor zwei Jahren in der VFR 1200 geliefert. Jenes des Integra (und auch der aktuellen großen VFR), ist eines der zweiten, in Abstufung und Schaltvorgängen optimierten Generation. Für den Sekundärantrieb sorgt, wie bei (den meisten) Motorrädern eine Kette.

Mit dem sonst bei Scootern üblichen stufenlosen Getrieben ist  das System nicht ganz vergleichbar, weil es im Vergleich dazu schneller und spontaner agiert: Die Gangwechsel gehen blitzartig und verzögerungsfrei vonstatten. Die Schaltgeräusche sind nicht zu prominent. Das DCT offeriert im Integra zwei Modi: "D", wie Drive, da wird komfortabler Vortrieb geliefert, "S", wie Sport, bietet, wie der Name schon sagt, engagiert(er)es Antriebsverhalten. Gas-Aufreißen - beim Auto wär’s ein Kick-Down - bewirkt Zurückschalten um einen bis drei Gänge, je nachdem wie hurtig man am Gasgriff dreht.

Wie sich das überarbeitete Doppelkupplungs-getriebe macht - wir hatten schon Erfahrung mit dem DCT der ersten Generation, in der bereits genannten VFR 1200 - haben wir bei einer ersten Ausfahrt in der Stadt und übers kurvige Land ausprobiert. Wobei es nicht lange beim "D"-Modus blieb, denn auf Stadt- und Landautobahn sowieso nicht und auch nicht im täglichen Verkehrsdschungel sind bedächtiges Anfahren und beschauliches Dahinzuckeln angesagt. Ans nicht Schalten gewöhnt man sich schnell, nur gelegentlich zuckt die Hand nach dem vermeintlichen Kupplungshebel, der hier ja die Bremse ist. Man kann aber auch rauf und runter schalten, via Taste am linken Lenkerende. Das lässt man aber bald sein, alleine schon wegen der Bequemlichkeit.

Abgesehen vom Getriebe: Die Motorrad-Gene des Integra sind nicht zu übersehen, beziehungsweise zu überspüren: Agilität, Spurstabilität, saftiger Antritt, angesichts des doch eher satten Gewichts von 238 Kilo (leichter sind auch andere Groß-Roller kaum!) immer noch hohe Wendigkeit - dafür Wetter- und Windschutz wie bei einem Roller, was auch auf die entspannte Sitzposition zutrifft. Die Sitzhöhe nimmt sich auf dem Papier mit 795 Millimetern zwar nicht wild aus, doch ist der Motorradroller um die Mitte nicht ganz schmal und der Sattel ziemlich breit. Zum Wegkippen neigt man dennoch kaum, selbst wenn man nicht allzu groß ist, dank tiefem Schwerpunkt und hoher Ausgewogenheit.

Die 52 PS des drehfreudigen Motors reichen fürs City-Commuting mehr als aus. Auf der Autobahn muss man sich ebenfalls nicht hinten einreihen. Die Leistung reicht allemal dafür aus, dass man - versehentlich - bis zu 40 km/h überm legalen Speedlimit fährt. Damit kann auch die Wochenendspritztour würdig angegangen werden, fürs Winkelwerk reicht die Leistung allemal.
Extra zu erwähnen sind die effizienten Bremsen. Das kombinierte System arbeitet punktgenau. Wenn das ABS schon einmal eingreifen muss, dann tut es das sanft, aber bestimmt - und genau dann, wenn man’s braucht.

Der Honda Integra ist das Scooter-Motorrad-Bindeglied im Rahmen des neuen Mid-Concepts von Honda, das eine neue Mittelklasse in punkto Hubraum und Leistung bezeichnet. Ein Trend, für den die Gründe vielfältig sind: Wirtschaftlich turbulente Zeiten, Sparpakete, Preis-Explosionen, steigende Lebenskosten und Parkgebühren bewirken, dass nun vielfach statt eines Zweit-Autos ein Einspur-Gefährt angeschafft wird. Der Einstieg in diese Fortbewegung wird mit Rollern jenen leicht gemacht, die ein simpel zu bedienendes, problemloses Fahrzeug für den Alltag und auch für die kleinen Fluchten (nicht nur die vor dem Stau) suchen.

Diskussionen ob der Integra 700 nun mehr ein Motorrad oder mehr ein Roller ist, lässt Honda eigentlich nicht zu. Sie wird in der Preisliste als Scooter klassifiziert, einer der sportlichen Art. Ihr Tarif liegt mit 9.690 Euro in der Preisklasse des Mittelklasse-Motorrad-Segments. In diesem Betrag sind C-ABS und DCT enthalten. Im Hinblick auf die kleine oder größere Tour gibt’s im optionalen Zubehörprogramm für den Honda-Zwitter ein komplettes Programm an Gepäcksystemen, von Topcase bis Seitenkoffer oder -tasche.

Weitere Infos: www.honda.at

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