Yamaha XJR 1300 im Test

Seit mehr als 15 Jahren ist das Naked Bike im Yamaha-Portfolio. Trotzdem bietet das Motorrad aus Fernost zeitgemäße Technik.

Sie war ein Spätstarter, die Yamaha XJR. Unverkleidete Big Bikes lagen voll im Trend, damals in den frühen Neunzigern. Und die Konkurrenz aus Japan und Bayern hatte längst Modelle im Programm, die genau diesen Trend bedienten. Die XJR 1200 kam spät, genauer gesagt erst 1994, aber sie schlug ein wie eine Bombe auf dem Markt der Nakeds: Mit der eleganten Schönheit klassischer Linien in der Tradition der legendären XJ 650 von 1980 konnte sich höchstens noch die Kawasaki ZR 1100 Zephyr messen. Klassischer Rundscheinwerfer, zwei Rundinstrumente in verchromten Gehäusen, ein fahrtwindgekühlter Motor mit großen Kühlrippen, eine fließende Tank-Sitzbanklinie und eine verchromte Auspuffanlage: Wie die Seefahrer den Sirenen verfielen die Biker reihenweise der Anmut der nackten Schönen.

Ihre Optik ist jedoch nur eine ihrer Stärken, ihr bulliger Charakter ist ein weiterer Grund, dass die XJR noch heute im Modellprogramm von Yamaha rangiert und viele ihre Konkurrentinnen überlebt hat. Schon 1999 wurde der Hubraum aufgestockt, ab sofort verfügte der 16-Ventil-Reihen-Vierzylinder über 1.251 Kubik, das Bike hieß von nun an XJR 1300. Heute, nach vielerlei Modellretuschen, wird das Aggregat von einer elektronischen Kraftstoffeinspritzung befeuert, ein G-Kat bringt die Abgase auf ein homologationsverträgliches Maß. Die Motorcharakteristik gestaltet sich genau so wie es der große Hubraum vermuten lässt. Mit ihren 72 kW / 98 PS bei 8.000 U/min und 108 Nm bei 6.000 U/min schiebt die Yamaha bereits aus niedrigsten Drehzahlen vehement und gleichmäßig vorwärts. Schon wenig oberhalb von 3.000 Umdrehungen liegen stattliche 100 Nm an. Sonor und gut gedämpft brummt die Dicke dabei ihr Vierzylinder-Lied. Das Fünfganggetriebe wirkt etwas hakelig, doch angesichts der Drehmomentwoge, auf der man beim Fahren surft, kommt die Schaltbox ohnehin eher selten zum Einsatz.

Um den Vortrieb wieder einzufangen, kommen am Vorderrad zwei Vierkolben-Festsättel zum Einsatz, die zwei 298-Millimeter-Bremsscheiben in die Zange nehmen. Hinten waltet eine Scheibenbremse mit 267 Millimetern Durchmesser ihres Amtes. Die Stopper sorgen für eine Verzögerung, die selbst einem Supersportler gut zu Gesicht stünde. Präzise dosierbar und mit geringer Handkraft, doch die Gabel taucht dabei tief ein. Das kann bei forcierter Gangart auf winkeligem Geläuf schon mal die Linie etwas verwässern. Allgemein ist das Fahrwerk von souverän-komfortabler Natur, trotzdem vermitteln die gut ansprechende 43-Millimeter-Telegabel und die straffen Öhlins-Federbeine am Heck gutes Feedback, auch im Zwei-Personen-Betrieb. Auf dem Sozius fühlt sich der Beifahrer gut aufgehoben, denn der breite und gut gepolsterte Sitzplatz gleicht geradezu Abrahams Schoß. Allein lang gewachsene Zeitgenossen wünschen sich etwas tiefer angesetzte Fußrasten. Ähnliches gilt für den Fahrer: Davon abgesehen, dass angesichts einer fehlenden Verkleidung bei hohen Geschwindigkeiten naturgemäß ein heftiger Orkan um die Ohren das Fahrers pfeift, lässt die Sitzposition auch längere Strecken am Stück zu.

Letztere geraten allerdings zu einer größeren Investition, denn bei flottem Landstraßen-Tempo gönnt sich die XJR 1300 sieben Liter Sprit. Stehen auf der Rennstrecke oder deutschen Autobahn 180 Kilometer pro Stunde oder mehr auf den gut ablesbaren Rundinstrumenten, dann genehmigt sich die Yamaha auch gern einmal neun bis zehn Liter. Großer Hubraum will nun einmal adäquat befüllt werden. Sicherlich gibt es zum Preis von 11.495 Euro modernere, sparsamere, tourentauglichere oder auch exotischere Big Bikes als die XJR. Doch es gibt nicht viele, die so sehr mit dem Herz gekauft werden und trotzdem eine zeitgemäße Technik bieten.

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