Jugendliche und ältere Autofahrer im Gespräch

Generationenkonflikte haben auf der Straße keinen Platz

Ein sonniger Sonntagnachmittag: Ein gepflegter Mittelklassewagen ist mit gemäßigtem Tempo auf einer Landstraße unterwegs, von hinten nähert sich ein getunter Sportwagen . Im vorderen Auto ein älteres Ehepaar auf einer gemütlichen Ausflugsfahrt, im hinteren Auto eine Gruppe Jugendlicher auf einer flotten Spritztour. " Dichtes Auffahren, Lichthupe - der Ärger auf beiden Seiten steigt, der Konflikt ist programmiert ", sagt ÖAMTC-Verkehrspsychologin Dora Donosa. "In den Augen des jungen Lenkers schleicht der betagte Hutfahrer, der ältere Lenker sieht sein Bild vom drängelnden, jungen Rowdy bestätigt." Alles nur Klischee? Bei einem Pilotprojekt hat der ÖAMTC junge und ältere Autofahrer an den Diskussionstisch gebracht und gemeinsam ein Fahrsicherheitstraining absolvieren lassen. Das Ziel: Vorurteile zwischen den Generationen abbauen , damit beide Gruppen mehr Verständnis füreinander entwickeln.

Vier Jugendliche (21 und 22 Jahre alt) und fünf Senioren (zwischen 63 und 81 Jahre alt) haben gemeinsam zuerst über die Risikofaktoren in den jeweiligen Zielgruppen diskutiert. "Jeder hat offen sein Bild über die andere Generation beschrieben und die Risiken eingeschätzt. Das Gesprächsklima war die ganze Zeit über sehr wertschätzend", berichtet Donosa. ÖAMTC-Instruktor Andreas Pazourek ergänzt: "Danach hat sich beim Fahrsicherheitstraining deutlich gezeigt, dass Jung und Alt miteinander und voneinander lernen können, wenn es um das richtige Fahrverhalten geht."

Unterschiedliche Risikofaktoren bei Jung und Alt

Junge Fahrzeuglenker, so die Senioren in der Gruppendiskussion, wären durch die mangelnde Fahrpraxis und -erfahrung oft unsicher und durch Fehleinschätzungen der Verkehrssituation , der Straßenverhältnisse oder durch Überschätzung der eigenen Fähigkeiten besonders gefährdet. "Gründe für die hohe Unfallhäufigkeit sind nicht angepasste Geschwindigkeit, sicherheitskritische Fahrmotive oder Fahren unter Alkoholeinfluss . Auch die Gruppendynamik spielt eine Rolle", ergänzt Donosa aus Sicht der Verkehrsexpertin. Was die geistige Flexibilität und die Multitasking-Fähigkeit angeht, haben die Jungen im Gegenzug Vorteile gegenüber den Senioren - auch darüber bestand Einvernehmen.

Die Jungen führten bei älteren Verkehrsteilnehmern vor allem körperliche Risikofaktoren ins Treffen. Besonders die nachlassende Sehfähigkeit , verminderte Hörfähigkeit , Beweglichkeit und Gelenkigkeit, aber auch schnellere Erschöpfung und raschere Überforderung in komplexen Verkehrssituationen würden das Unfallrisiko steigern. Dass die Senioren mit der jahrelangen Fahrpraxis einen " sechsten Sinn " entwickelt haben, um Defizite zu kompensieren, können sie als Plus für sich verbuchen. Größter Kritikpunkt von Jung an Alt: Die Senioren würden zu schnell schimpfen und die Geduld verlieren . "Dass sie im sozialen Autofahrerverhalten eine Vorbildwirkung für die Jungen haben, wurde den älteren Autofahrern im Laufe der Diskussion stärker bewusst", so Donosa.

Warum Mobilität für Jung und Alt wichtig ist

Weniger Verkehr, keine Parkplatznot - die Generationenvertreter haben auch diskutiert, wie sich die Anforderungen an Autofahrer über die Jahrzehnte verändert haben. "Herausgestellt hat sich, dass für beide Altersgruppen Mobilität gleichermaßen wichtig ist bzw. oft erst die Teilnahme am beruflichen und sozialen Leben ermöglicht", berichtet die ÖAMTC-Expertin. Die Sicherheit darf dabei aber nicht zu kurz kommen . Interessante Parallelen: Jugendliche bilden Fahrgemeinschaften, um beispielsweise möglichst günstig vom Heimat- an den Studienort zu kommen, ältere Lenker bilden Fahrgemeinschaften z.B. zum Einkaufen. So nimmt die älteste Projekt-Teilnehmerin, 81 Jahre alt mit Wohnsitz auf dem Land, beispielsweise ihre "gleichaltrigen" Nachbarinnen, die nicht mehr Auto fahren, zu Besorgungen in die Stadt mit.

Nach der Diskussion haben die Projekt-Teilnehmer bei einem Fahrsicherheitstraining ihre Fahrkünste unter Beweis gestellt. Plötzlich tauchen Hindernisse auf, die Reifen greifen nicht mehr, das Fahrzeug wird unlenkbar, der Wagen kommt ins Schleudern - die Anforderungen waren jeweils gleich. " Keine Gruppe hat sich besonders hervorgeta n oder aber bei den Übungen schlechter abgeschnitten", berichtet Pazourek. "Das gemeinsame Erleben, wie man durch richtiges Handeln und Reagieren Krisensituationen bewältigt, hat den Respekt gegenüber der jeweils anderen Zielgruppe nochmals gehoben."

Fazit der ÖAMTC-Experten: Jugendliche und ältere Verkehrsteilnehmer dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden , Generationenkonflikte haben auf der Straße keinen Platz. Um die Verkehrssicherheit zu erhöhen, ist es wichtig, Jung und Alt für altersspezifische Risikofaktoren zu sensibilisieren und das Verantwortungsgefühl zu stärken. " Schließlich war jeder einmal jung und wird jeder einmal alt ", erklärt Donosa.

Quelle: ÖAMTC

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