Müdigkeit und Ablenkung als Ursache vieler Unfälle

Kontrollen, innovative Technik und Weiterbildungen können Eigenverantwortung nicht ersetzen

Wer hinter dem Steuer sitzt, sollte körperlich fit sein und seine volle Konzentration dem Straßenverkehr widmen. "Umfragedaten und Unfallzahlen belegen, dass das nicht für alle Kraftfahrer selbstverständlich ist", sagt ÖAMTC-Verkehrspsychologin Dora Donosa. Ablenkung, Unachtsamkeit und Übermüdung spielen Studien zufolge sogar eine weit größere Rolle im Verkehrsunfallgeschehen als aus Unfallstatistiken oft erkennbar ist. So war im Vorjahr laut Bundesministerium für Inneres jeder zehnte tödliche Unfall im Straßenverkehr auf Unachtsamkeit und Ablenkung zurückzuführen . Die Dunkelziffer dürfte aber weit höher liegen.
 
Eine aktuelle ÖAMTC-Umfrage unter 552 Autofahrern gibt Aufschluss darüber, wie Ablenkungen ins Fahrgeschehen hineinspielen können. So sind 42 Prozent der Befragten durch Ablenkung schon einmal in eine brenzlige Situation beim Autofahren geraten. Bei elf Prozent davon war ein Auffahrunfall die direkte Folge. Am häufigsten war man in dieser Situation unkonzentriert, müde und/oder gestresst (19 Prozent). In 17 Prozent der geschilderten Fälle war der Blick von der Straße abgelenkt, spielten Ablenkung durch den Beifahrer oder Kinder eine Rolle (13 Prozent) oder Handytelefonate bzw. SMS (elf Prozent). Ein wesentlicher Ablenkungsfaktor ist das Handy. Lediglich 53 Prozent der Telefonierer im Auto verwenden eine Freisprecheinrichtung . Rund 40 Prozent der Befragten haben die Erfahrung gemacht, dass Telefonate auch trotz Freisprecheinrichtung ablenken können. SMSen stufen 97 Prozent als gefährlich ein , trotzdem haben 16 Prozent bereits SMS während der Fahrt geschrieben, 15 Prozent haben es schon einmal versucht.Nicht minder gefährlich ist Müdigkeit am Steuer , die im schlimmsten Fall zum " Sekundenschlaf " wird. Wie weit verbreitet Übermüdung und Sekundenschlaf hinter dem Steuer sind, zeigt eine repräsentative Umfrage des ÖAMTC mit mehr als 2.000 Autofahrern. 14 Prozent aller Befragten sind schon einmal hinter dem Steuer eingeschlafen bzw. hatten einen Sekundenschlaf. Ein Drittel ist schon einmal fast eingenickt .
 
Herwig Scholz, ärztlicher Leiter des Krankenhauses Waiern sowie Department-Leiter für Psychosomatik, informiert beim ÖAMTC/ÄKVÖ-Symposium über die Auslöser von Sekundenschlaf. Dieser kann durch massive Übermüdung entstehen, manchmal auch durch fehlerhafte Versuche, die "Wachheit" aufrecht zu erhalten, etwa durch Koffein oder aufputschende Medikamente . "Wer die Gefährlichkeit von Sekundenschlaf richtig einschätzt, wird keinesfalls je versuchen, sich bei Übermüdung ans Steuer zu setzen. Kraftfahrer müssen die Tatsache respektieren, dass ein Aufputschen mit Koffein oder anderen Substanzen nicht hilfreich ist, sondern das Risiko sogar noch steigert", warnt der Mediziner.
 
Eine weitere mögliche Ursache für " plötzliches Einschlafen " kann Narkolepsie sein, eine Störung der Schlaf-Wach-Regulation. "Die Krankheitshäufigkeit beträgt 0,5 Prozent in der Bevölkerung, es ist jedoch von einer hohen Dunkelziffer auszugehen", berichtet Birgit Frauscher von der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck. "Die Narkolepsie birgt ein vier- bis siebenfach erhöhtes Unfallrisiko , welches in erster Linie auf die erhöhte Einschlafneigung untertags zurückzuführen ist." Medikamente können Abhilfe schaffen , ebenso spezielle Vermeidungsstrategien wie: Schlafen vor der Fahrt, gezielte Fahrtunterbrechungen und die Einnahme von Medikamenten vor dem Fahrtantritt.
 
Wolfgang Staffen von der Landesnervenklinik Salzburg berichtet über die modernen Methoden zur Messung der Gehirnfunktionen. Er veranschaulicht, dass eine normale Wahrnehmung eines komplexen Zusammenspiels von Wachheit, Aufmerksamkeit und Bewusstsein bedarf. "Die Fehlfunktion in einem dieser durch Netzwerke im Gehirn verbundenen Funktionen hat meist dramatische Folgen", sagt Staffen. Die frühzeitige Erkennung derartiger Störungen durch den Einsatz neuer Methoden hat damit eine zunehmende Bedeutung.Immer öfter springt die Technik dort ein, wo der Mensch ein Sicherheitsrisiko darstellt. Laut Sigurd Wedam von der Robert Bosch GmbH lassen sich schon heute Auswirkungen von falschen bzw. durch Unachtsamkeit ausgelöste Fahrzeuglenker-Reaktionen bis zu einem gewissen Grad vermeiden bzw. die Schwere von Unfällen mindern. "Alleine bei einer angenommenen Vollausstattung mit ESP könnten innerhalb der EU jährlich bis zu 4.000 Menschenleben gerettet werden und bis zu 100.000 Verletzte weniger zu beklagen sein", erklärt Wedam. In der Zukunft werden weiter vernetzte und zusätzliche Radar- bzw. Video-basierte Systeme (Crash-Warnung, Bremsunterstützung, Spurverlassenswarnung, Objekterkennung, Kreuzungsassistent) aber auch Vereinfachungen beim Themenkomplex HMI (Human-Machine-Interface) wie z.B. Sprachsteuerung der mobilen Kommunikationsgeräte den Fahrer bei der Bedienung des Fahrzeugs entlasten und damit auch zur weiteren Vermeidung von Unfällen beitragen. Wedam: "Aufgabe der Fahrzeugindustrie wird es sein, innerhalb der nächsten Jahre zuverlässige und zugleich leistbare Systeme zur Verfügung zu stellen. Als Vision gilt dabei der Leitgedanke, bis ca. zum Jahr 2020 ein weitgehend unfallfreies Fahren zu ermöglichen."
 
Gerhard Blümel, Leiter des ÖAMTC-Fahrsicherheitszentrums Teesdorf berichtet über die steigenden Anforderungen besonders an die Lkw- und Busfahrer. Die aktuelle Unfallstatistik im Bereich Lkw und Bus zeigt eine positive Tendenz. "Trotzdem sind Maßnahmen zu einer verbesserten Ausbildung notwendig ", sagt der ÖAMTC-Experte. "Der Erwerb der Lenkerberechtigung reicht für das Anforderungsprofil eines Bus- oder Lkw-Fahrers bei weitem nicht mehr aus, er stellt bestenfalls eine gute Basis dar." Blümel verweist auf die wichtige Grundqualifikations- und Weiterbildungsverordnung für Berufskraftfahrer, die am 10. September 2008 für Buslenker in Österreich in Kraft getreten ist (2009 auch für Lkw-Lenker). Die Weiterbildung gibt den Berufskraftfahrern die Möglichkeit, die für ihren Beruf grundlegenden Kenntnisse zu aktualisieren und neue Kenntnisse zu erwerben. Das Schwergewicht liegt dabei auf Verkehrssicherheit und Förderung des rationellen Kraftstoffverbrauchs.
 
Dass die Messbarkeit der Fahrtüchtigkeit in einigen Bereichen schwierig ist, berichtet Klaus Scherleitner vom Landespolizeikommando Oberösterreich. Für Alkoholkonsum gibt es gesetzlich festgelegte Grenzwerte, auch Kontrollgeräte für den Straßeneinsatz sind ausreichend verfügbar. Anders ist das bei Drogen oder Medikamenten , die ebenfalls das Fahrvermögen beeinflussen. "Die Exekutive kann sich an keinen Grenzwerten orientieren, weil eine entsprechende gesetzliche Regelung dazu fehlt", schildert Scherleitner. Erste Anhaltspunkte, ob ein Fahrer durch Drogen oder Medikamente beeinträchtigt ist, liefern sein Gesamtverhalten und die Pupillenreaktion . Vortests aus Urin oder Speichel korrelieren nur bedingt mit der tatsächlichen Beeinträchtigung des angehaltenen Fahrers.
 
Quelle: ÖAMTC

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